Keine Einigkeit gegen Stromtrasse“

Thema: Widerstand gegen Südlink - Die Gemeindevertretung Neuenstein, sowie Bürgermeister Walter Glänzer und die Bürgerinitiative sprechen sich gegen den Bau der Starkstromtrasse Südlink aus. Dass nun auch der Eindruck entsteht, dass dies auch unisono die Meinung der gesamten Bevölkerung widerspiegelt, kann von mir nicht unwidersprochen hingenommen werden.

Die folgenden Argumente möchte ich hiermit in die laufende Diskussion mit einbringen:

1. Für mich sind die erneuerbaren Energien die richtungsweisende Lösung für eine gute Zukunft der Menschheit. Ohne Sonne, Wasser und Wind war und ist auch in Zukunft kein Leben auf dieser Erde möglich.

2. Der einzige Irrweg der Energieversorgung war bzw. ist die Atomenergie und wird uns die Zukunftsgestaltung noch sehr erschweren.

3. Der Transport von Windstrom von NORD nach SÜD über eine neue Starkstromtrasse ist nicht so einfach mit JA oder NEIN zu beantworten.

4. In unserer heutigen Gesellschaft dominiert immer mehr eine gewisse Doppelmoral. Eine moderne stark industrialisierte und vernetzte, digitalisierte Umgebung gibt uns die Möglichkeit, die Vorteile daraus vielfältig zu nutzen. Wenn aber die erforderliche Infrastruktur vor unserer Haustür entstehen soll, verstehen wir die Welt nicht mehr und empören uns im trotzigen Widerstand. Wir sind besonders enttäuscht, wenn andere Menschen als wir selbst von der erneuerbaren Energieversorgung profitieren.

5. Bei den alltäglichen Gewohnheiten sind wir Menschen sehr oft nachlässig und großzügig z.B. bei unserer Ernährung (Hauptsache viel und billig) oder bei ständiger Energieversorgung und digitaler Netzanbindung rund um die Uhr mit allen Nebenwirkungen (wie Funkwellen, Elektrosmog und anderen Beeinträchtigungen). Wir fliegen vergnügt über viele Köpfe in den Urlaub, werden wir jedoch selbst überflogen, möchten wir die Flugzeuge am liebsten abschaffen. Sollen nun passend zu unseren täglichen Ansprüchen Leitungsverbindungen geschaffen werden, sprechen wir wie die BI von der Zerstörung unserer Lebensqualität und der Gefährdung unserer Gesundheit.

6. Niedrige Immobilienpreise und unverkäufliche Häuser sind das Ergebnis von nicht sehr attraktiven Arbeitsplätzen, zerstörter und fehlender Infrastruktur, derentwegen vor allen Dingen junge Menschen in die Metropolen abwandern. Aussterbende Dörfer sind bereits das Ergebnis einer überforderten Politik auf höchster Ebene. Der Status quo kann somit nicht mit einer noch zu bauenden Stromtrasse in Verbindung gebracht werden.

7. Wenn die BI und die heimische Politik dezentrale Energieversorgung als Alternativen ins Feld führen, wäre es gut, wenn sich Neuenstein beispielsweise wie Alheim o.a. einen Vorzeigestatus erarbeitet hätte. Die Anrainergemeinden rund um den Eisenberg finden leider ihre Stärken erst im Widerstand. Hier sind die Zielperspektiven sehr viel härter. Ich habe schon vor geraumer Zeit ansatzweise auf alternative Möglichkeiten öffentlich hingewiesen.

8. Für die Zukunft in Neuenstein, bitte ich alle Beteiligten auch einmal den Blick über den eigenen Tellerrand zu wagen. In einer endlichen Ölversorgung wird die Umstellung auf Elektromobilität trotz lobbygesteuerten Blockaden zwangsweise kommen. Für unsere Region entlang den Autobahnen wäre eine lärmberuhigte und schadstoffarme Mobilität ein Segen. Wenn sich die SÜDLINK-Trasse schon nicht verhindern lässt, darf man zumindest erwarten, dass Verträge mit TENNET auch erkennbare Vorteile für die Gemeinde Neuenstein erbringen. Ich denke an Verteiler- und Abzweigestellen für etwaige Stromtankstellen, Ladestationen oder Industrie- und Haushaltsstrom. Der große Fehler, dass man durch die Windräder am Wehneberg nur einen sehr geringen Ertrag für den Haushalt in Bad Hersfeld erwirtschaftet, darf sich in Neuenstein nicht wiederholen.

9. Ich wünsche allen Beteiligten für die Verhandlungen mit TENNET alles Gute im Sinne einer hoffentlich überlebens- und entwicklungsfähigen Region. Die Bemühung von Gerichten ersetzen keine visionäre und gute Zukunftsgestaltung für die Menschen. Selektives Denken sollte trotz komplexer Systeme von ganzheitlichen Überlegungs- und Handlungsweisen abgelöst werden. Dazu ist eine Basisdemokratie erforderlich, bei der auch insbesonders junge Menschen ohne politisches Mandat an der Lösung von Problemen beteiligt werden.

Walter Kurz
Neuenstein

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