Volkes Wille nicht wahrgenommen

Thema: Umbenennung Carl-Peters- und Lüderitz-Straße - Wie der Presse in den vergangenen Monaten des öfteren zu entnehmen, plant die „Mehrheitsfraktion“ im Stadtparlament, gegen den Willen von Bürgermeister Thomas Fehling, die Straßennamen „Carl Peters“ und „Lüderitz“ durch Namen von mehr oder weniger bekannten Personen der jüngeren Geschichte zu ersetzen.

Dieses Vorhaben, speziell gegen den Willen der Anwohner beider Straßen realisieren zu wollen, ist allein schon wegen der Kosten die auf jede einzelne Familie zukommen, unverständlich und rücksichtslos, und darüberhinaus Ausdruck mangelnder historischer Sachkenntnis.

In einer Zeit, in der Bücher zu lesen allgemein an Attraktivität verloren hat, bieten elektronische Medien eine kontinuierlich wachsende Alternative. Von daher dürfte es für Jedermann ein Leichtes sein, sich über Werden und Wirken der beiden, zur Zeit zur Disposition stehenden Persönlichkeiten Lüderitz und Carl Peters umfassend zu informieren.

Franz Adolf Lüderitz, 1834 in eine Bremer Kaufmannsfamilie geboren, erwarb ab 1880 große Flächen unbesetzten Landes in Südwestafrika. Nach zahlreichen Petitionen und Verhandlungen wurden die Besitzungen von Lüderitz mit Zustimmung von Bismarck, Kanzler des Deutschen Reiches, im April 1884 unter deutschen Schutz gestellt. 1885 wurden die Besitzungen an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika übertragen. Ende 1886 ertrank Lüderitz in der Mündung des Oranjeflusses im südlichen Afrika. Carl Peters, 1856 in Neuhaus an der Elbe (Königreich Hannover) geboren, ging nach Studium von Geschichte, Geographie und Jura in Göttingen, Tübingen und Berlin (Promotion), von 1881 - 1883 nach London. Nach Berlin zurückgekehrt gründete er 1884 die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“, die ihn kurz darauf zu Landerwerbungen an die ostafrikanische Küste sandte. Nach Erwerb mehrerer Gebiete auf Vertragsbasis, erhielt er 1885 den Kaiserlichen Schutzbrief und kann damit als Gründer „Deutsch-Ostafrikas“ gelten. 1894 zum Reichskommissar bestellt, geriet er alsbald in heftige Kritik des Reichstages, wegen seines zum Teil massiven Vorgehens gegen die Einheimischen. Deswegen wurde er 1897 vom Dienst entlassen und emigrierte nach England. In später Würdigung seiner Verdienste um Deutsch-Ostafrika erhielt Peters von Kaiser Wilhelm II. eine jährliche Pension bewilligt. Im September 1918 starb Peters in Bad Harzburg.

Soviel zur Vita von Lüderitz und Peters, deren Namen demnächst von den Hersfelder Straßenschildern verschwinden sollen. In diesem Zusammenhang darf man wohl fragen: Was wäre, käme die Stadtverwaltung der seit Lüderitz’ Zeiten in Namibia existierenden Stadt gleichen Namens mit 25 000 Einwohnern auf die Idee, diesen historischen Namen abzuschaffen? Eine kleine Revolution wäre absolut sicher. Oder bleiben wir im Lande: Was wäre, hätte jemand die Absicht, die deutsche Gemeinde Lüderitz, westlich von Tangermünde an der Elbe in Sachsen-Anhalt umzutaufen, ein Ort von den Wenden gegründet und 1247 erstmals erwähnt als Stammsitz derer von Lüderitz? Ein einstimmiges Nein aller Bürger bei Befragung wäre das Resultat!Im Gegensatz dazu wurden die Bürger Bad Hersfelds oder zumindest die Anwohner der Lüderitz- und Carl-Peters-Straße nicht gefragt und sollen sich der selbstherrlichen Entscheidung der sogenannten Mehrheitsfraktion widerstandslos beugen, ohne auch nur in Ansätzen diese demokratische (?) Entscheidung begreifen zu können. Grundsätzlich muss ein vom Volk gewähltes Parlament gründlich darüber nachdenken, welche seiner Entscheidungen Sinn macht und wie diese dem einzelnen Bürger nachvollziehbar vermittelt werden kann.

Dies wäre beispielsweise wünschenswert gewesen, als vor einigen Jahren der traditionsreiche Hindenburg-Platz in einen Theodor-Heuss-Platz umbenannt wurde. Manchmal scheint es, als beginne im politischen Alltag Bad Hersfelds Deutschlands Geschichte mit dem Ende des dritten Reiches im Jahre 1945. Vielleicht ist damit zu erklären, dass sich für die NS-Vergangenheit des künftigen Straßen-Paten Johannes Klein niemand in der Mehrheitsfraktion des Stadtparlaments Bad Hersfeld zu interessieren scheint.

Dr. med. Michael Götte Carl Peters Straße 26

Dr. med. Wolfgang Brüning Lüderitz Straße 6

Prof. Dr. habil. Herbert Bohle Lüderitz Straße 36

Dr. med. Martin Ebel Lüderitz Straße 38

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