Doppelmoral wird nicht geteilt

Thema: Lesermeinung vom 14. Januar „Nicht alle sind gegen die Stromtrasse“ - Die erneuerbaren Energien müssen die Zukunft der deutschen Energieerzeugung sein. Dies ist vollkommen klar, wenn wir uns nicht den Ast absägen möchten, auf dem wir sitzen. Die diffizile Frage bei der Realisierung bleibt jedoch das „Wie“. Diese zentrale Frage sollte unbedingt geklärt werden. Auch beim so genannten SuedLink gibt es Alternativen, die geprüft werden müssen.

Nun aber zu den Aussagen in dem Leserbrief vom 14. Januar. In vielen Bereichen sind die Interessen von Bürgern und Kommunen nicht immer einheitlich. In Neuenstein ist dies beim Thema SuedLink etwas anders. Die Gemeinde und ein Großteil der Bürger ziehen an einem Strang, um die Höchstspannungstrasse zu verhindern. Selbstverständlich sind nicht 100 % der Menschen vor Ort der gleichen Meinung, schließlich leben wir in einer Demokratie mit mündigen Bürgern. Ein Grundprinzip der funktionierenden Demokratie ist die freie Meinungsäußerung. Diese freie Meinungsäußerung ist notwendig mit dem Sinn und Zweck, Veränderungen in unserem Land herbeiführen zu können. Dies sieht man sehr deutlich an der starken Beteiligung der Bevölkerung vor Ort. Die persönliche Meinung sollte jedoch auf belegbaren Fakten basieren und nicht durch populistische Phrasen untermauert werden. Der Schreiber spricht von einer Doppelmoral. Mit dieser Äußerung gehe ich einher, jedoch scheinen wir unterschiedliche Passagen in der Schilderung als Grundlage dieser doppelten Moral zu meinen. Ist es nicht viel verwerflicher, nach erkennbaren Vorteilen für die Gemeinde in pekuniärer Form zu rufen, bevor man sich mit den Fakten und Risiken auseinander gesetzt hat? Es ist äußerst fragwürdig zu suggerieren, dass man für Geld einiges akzeptieren würde, was in Neuenstein eher die Ausnahme in der Bevölkerung ist, wie man in den gut besuchten Veranstaltungen sehen kann. Nun aber zu den Fakten: 1. Der so genannte SuedLink ist eine reine HGÜ Stromautobahn ohne Abzweige. Bildlich gesprochen: es gibt eine Auffahrt im Norden in Wilster und im Süden eine Abfahrt in Grafenrheinfeld - es sind keinerlei Abfahrten vorgesehen, da man HGÜ vornehmlich dazu nutzt, möglichst lange Strecken mit minimalsten Verlust zu überbrücken. Folglich wird es in Neuenstein keine Stromtankstellen mit SuedLinkAnschluss geben. 2. Es geht in der Diskussion nicht um die eigene Haustür oder ein Kirchturmdenken. Die politische Gemeinde, die BI und ein Großteil der Bürger ist generell gegen die Stromtrasse SuedLink. Die Notwendigkeit ist grundsätzlich in Frage gestellt. Das hat aber nichts mit dem Atomausstieg zu tun. Dafür ist die Trasse nicht erforderlich. Viele Neuensteiner, wie auch die Gemeinde und die BI sind komplett gegen diese Planung und vor allem die Art und Weise, wie sie durchgeboxt werden soll. Es existieren andere technische Möglichkeiten, wie z.B. Power-Zu-Gas. 3. Der Schreiber schreibt von der Zerstörung der Lebensqualität - tragen Strommasten und evtl. Gesundheitsgefährdungen zur Steigerung dieser bei, wohl eher nicht. Die Gefährdung der Gesundheit durch diese Gleichstromtrasse wurde bis dato durch unabhängige Gutachter nicht untersucht 4. Die Begründung der Abwanderung in Ballungszentren ist oberflächlich nachzuvollziehen. Diverenziert gesehen sieht es in Neuenstein aber anders aus. Es gibt eine gut ausgebaute Infrastruktur, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten vorausschauend geplant, durchgeführt und finanziert wurde. Diese Faktoren tragen maßgeblich zur Lebensqualität vor Ort bei. Wenn jedoch zu den vorhandenen Beeinträchtigungen, wie ICE, BAB, 380 KV Wechselstromtrassen noch eine m. E. nicht notwendige 500 KV Gleichstromtrasse hinzukommt, handelt es sich sehr wohl um eine Wertminderung für die Immobilien. 5. Die Gemeinde Neuenstein stellt bereits durch mehrere Biogasanlagen, aus Wasserturbinen, einem Solarpark und vielen privaten Photovoltaik Anlagen Strom aus erneuerbaren Energien her. Man benötigt keinen Vorzeigestatus. Mein Resümee: „für die passenden Gelder akzeptieren wir die Stromtrasse“ - diese Doppelmoral teile ich und die meisten der Bürger hier vor Ort in Neuenstein nicht mit dem Schreiber!

Dr. Lars Niebel 1
1. Vorsitzender Bürgerinitiative Neuenstein

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