Ein Schrei nach Hilfe

Thema: Leserbrief von Herrn Gerd Jüngst vom 31. Oktober 2013 - Grundsätzlich möchte ich sagen, dass ich gut verstehen kann, wenn Menschen das dringende Verlangen haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen. In jungen Jahren hatte ich selbst diesen Gedanken, als eine Krankheit meine ganzen Zukunftspläne zunichte gemacht hat. Doch dann siegte mein Lebenswille.

Wenn Herr Professor Hans Küng nicht mehr „als Schatten meiner selbst weiterexistieren“ will, so muss ich nach seinen Vorstellungen vom Leben fragen. Ich kannte und kenne Menschen mit Parkinson und anderen Krankheiten und Blinde, die sich sehr wohl fühlen in ihrem Leben. Auch in ihrer Abhängigkeit von anderen Menschen, bewahren sie sich ihre Würde und lernen noch dazu. Siechtum und Elend existieren, doch es muss auch gefragt werden, wie viel wir davon uns heutzutage selbst zuzuschreiben haben, indem wir alles Technisch-Machbare tun, um Leben zu erhalten. Wenn Herr Jüngst schreibt, dass der Wunsch, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, „weit verbreitet ist und von vielen gewünscht wird“, so möchte das nach meinen Erfahrungen in der Seelsorge und in der Tätigkeit im Ökumenischen Hospizverein Bad Hersfeld stark in Frage stellen. Ist nicht häufig diese Äußerung ein Schrei nach Hilfe und Zuwendung und ein Ausdruck der Angst vor der Ungewissheit des Lebens und der Zukunft nach dem Motto: „Wenn ich mich selbst töte, habe ich wenigstens alles unter Kontrolle!“? In dem Herr Jüngst sein Unverständnis bezüglich der Einstellung der katholischen Kirche (und nicht nur dieser) zu dem Thema Selbsttötung äußert, so kommt bei mir die Vermutung auf, dass er sich nicht sehr tief mit den Argumenten der anderen Seite auseinandergesetzt hat. Denn die Kirche geht nun einmal davon aus, dass wir nicht aus uns selbst geworden sind und damit die absolute Verfügungsgewalt über uns selbst haben, sondern von Gott geschaffen wurden. Und wie kann es angehen, dass ein Geschöpf sich über seinen Schöpfer stellt?

Dass der deutsche Gesetzgeber bei diesem Thema vorsichtig ist, ist ja wohl aus der Geschichte unseres Landes zu erklären. Denn wie sollten Richtlinien dazu aussehen, die jeglichen Missbrauch ausschließen? Wie soll die Grenze aussehen und wer hat das Recht zur Entscheidung? Dass der Suizid seit weit über zwei Jahrtausenden in der europäischen Geschichte kontrovers diskutiert wird, zeigt ja wohl, dass das Problem nicht neu und auch kurzfristig nicht zu lösen ist. Wenn überhaupt!

Hans Joachim Kuhn
13. Str. 6
Schenklengsfeld

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