Katastrophe für Stadt Hersfeld

Thema: Historisches Schriftstück entdeckt - Bei dem zum Verkauf angebotenen Schriftstück handelt es sich um eine der zahlreichen Erlasse und Verordnungen, die von der französischen Besatzungsmacht unmittelbar oder in ihrem Auftrag von der Fürstlich Hessischen Regierung in Kassel in der ganzen Landgrafschaft, also auch im Fürstentum und der Stadt Hersfeld, in den Jahren 1757-1762 publiziert worden sind.

Ihr Inhalt ist fast immer so gut wie derselbe, nämlich die unter Androhung von schweren Strafen geforderte Lieferung von Versorgungsmitteln (Geld oder Naturalien) für die französische Armee, die weite Teile des hessischen Gebietes, darunter die Hauptstadt Kassel, besetzt hielt. Der hessische Landgraf Wilhelm VIII. und nach seinem Tode 1760 sein Sohn Friedrich II. standen im Siebenjährigen Krieg, in dem Österreich, unterstützt von Frankreich, dem Preußenkönig Friedrich II. (dem Großen) das von diesem eroberte Schlesien wieder abzunehmen versuchte, zusammen mit England und Hannover auf Seiten des preußischen Königs. Stadt und Fürstentum Hersfeld waren dadurch in den Kriegsjahren durch ständige Einquartierungen, Truppendurchzüge und andere Lasten an den Rand der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gelangt. Der Duc de Broglie ist verantwortlich für eine der größten Katastrophen, die die Stadt Hersfeld getroffen haben. Er war es, der genau zwei Monate nach seiner in dem Schriftstück dokumentierten Anordnung (19. Dezember 1760) bei dem überstürzten Abzug der französischen Truppen aus Hersfeld am 19. Februar 1761 den Befehl gab, die in der Stiftskirche eingelagerten Vorräte zu verbrennen, damit sie nicht dem Gegner in die Hände fielen. Die verheerenden Folgen sind bekannt und noch heute zu sehen. Kurze Zeit später, als das Kriegsglück sich wieder einmal gewendet hatte, kam de Broglie mit seinen Franzosen erneut nach Hersfeld, und nur mit größter Mühe gelang es den Hersfelder Bürgern unter Führung ihres Bürgermeisters Allmerod, die Franzosen davon abzubringen, ihr neues Proviantmagazin in der Stadtkirche anzulegen. Die ersten Schritte waren dazu schon getan, dann aber ließ de Broglie die Aktion abbrechen. Blätter wie das zum Verkauf angebotene muss es in großer Zahl gegeben haben, da sie, wie auch am Ende dieser Anordnung gefordert, in allen größeren Orten nachzudrucken und öffentlich auszuhängen („affigiren“) waren. Im Hersfelder Stadtarchiv muss auch ein Exemplar dieser Verfügung vorhanden (gewesen) sein, denn Demme, der am Anfang des 3. Bandes seiner „Nachrichten und Urkunden“ (1900) die Ereignisse des Siebenjährigen Krieges ausführlich schildert, hat den deutschen Text der Broglie-Verfügungen als Beilagen wiedergegeben, den hier in Frage kommenden als Nr. 19, S. 281 f.

Dr. Michael Fleck
Bad Hersfeld

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