Ein gründliches Missverständnis

Thema: Es gibt keine kollektive Schuld - Die Frage der Kollektivschuld am Nationalsozialismus entzündete sich in den letzten Jahren insbesondere an der These des US-Historikers Daniel Goldhagen, der die Verankerung des Antisemitismus in der gesamten deutschen Gesellschaft behauptete und die Deutschen zu „willigen Vollstreckern“ stempelte.

 Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es gab viele Schattierungen vom fanatischen Mörder aus Rassismus bis zu Menschen, die in die innere Emigration gingen und dazwischen tausende Formen des Widerstandes. Es gibt keine Kollektivschuld, vielmehr eine Minderheit, die den Nationalsozialismus ablehnte und eine Mehrheit, die Hitler zunächst folgte mit abnehmender Begeisterung im Verlaufe des Krieges. Wahr ist auch, dass nicht wenige noch zum Kriegsende auf die Wirkung von sogen. Wunderwaffen hofften. Das alles hat mit der Veranstaltung im Buchcafé überhaupt nichts zu tun, hier decouvrierten drei Auschwitzmörder ihre individuelle Schuld mit ihren eigenen Worten. Der Leserbriefschreiber hat Fritz Bauer gründlich missverstanden. Er hätte es besser wissen können, denn die Pressemitteilung des Buchcafés erklärte das Zitat, und die HZ druckte es mit der Ankündigung der Veranstaltung (23.1.2016): „Gerichtstag halten über uns selbst und unsere Geschichte. Nach den Gründen der moralischen Katastrophe fragen. Die Stärke liegt nicht in Macht, Gewalt und Brutalität, sondern in Duldung und Toleranz gegenüber allem, was Menschenantlitz trägt.“ Mehr als die Bestrafung der Verantwortlichen hatte Fritz Bauer nämlich die Intention, in Form einer Generalprävention über diese Zeitepoche mittels der Prozesse aufzuklären. Es ging im Buchcafé auch um Opfergedenken. Die Nazis wollten das Volk der Sinti und Roma ausrotten und brachten eine halbe Million um, sehr viele in Auschwitz. Etwa 20 Hersfelder Sinti, darunter eine neunzigjährige Sintiza, die Auschwitz überlebt hatte, zählten zum Publikum der Veranstaltung und erlebten „kollektive“ Solidarität mit den anderen Besuchern, wozu auch die drei Sinti-Musiker beitrugen, die eine Musik spielten, welche von den Nazis verboten war. Dem Leserbriefschreiber sei empfohlen sich die Kinofilme über Fritz Bauer anzuschauen. Dann lernt er was Bauer auch gesagt hat und Motto des Abends im Buchcafé gewesen ist: „Auschwitz kann nur überwunden werden durch Brüderlichkeit und Nächstenliebe.“

Dieter Schenk
Schenklengsfeld

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