Gleiche Bildungschancen

Thema: „Gemeinsames Lernen soll freiwillig sein“ – HNA und HZ vom 6. Februar 2013 - Ungeachtet der Frage, ob die hessischen Christdemokraten genüsslich oder eiskalt berechnend den Entwurf des SPD-Bildungsprogramms attackieren, eines steht fest: Die Diffamierung der sozialdemokratischen Konzeption mit der Parole „Sozialisitische Ein-heitsschule“ ist nicht nur eine maßlose Entgleisung, sondern auch das schäbige Unterfangen, die historischen Fakten auf den Kopf zu stellen.

Anders ausgedrückt: Volker Bouffier und dessen Gefolgschaft starten wieder einmal den durchsichtigen Versuch, die Sozial-demokraten mit dem Kampfvokabular „pädagogisches Verbrechen“, „Schuldiktatur“ und „Sozialistische Einheitsschule“ in einen angeblichen Gegensatz zu Freiheit und Demokratie zu rücken und damit in den Geruch des östlichen Totalitarismus.

Angesichts dieser Kampagne, orientiert an dem bekannten Slogan „Freiheit oder Sozialismus“, stehen nunmehr die Sozialdemokraten in der Pflicht, die CDU-Legenden mit dem Rückgriff auf die gesicherten Ergebnisse der historischen Forschung schonungslos aufzudecken.

Wahr ist: Die SPD hat in der Schlussphase der Weimarer Republik die Demokratie noch zu einem Zeitpunkt verteidigt, als die Wähler der bürgerlichen Parteien mit Ausnahme des Zentrums längst kapituliert hatten und in das Lager der Nazis übergelaufen waren!

Wahr ist weiter: Die Mitglieder der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion haben am 23. März 1933 in der Kroll-Oper mit ihrem mutigen NEIN gegen das Ermächtigungsgesetz die Ehre und Moral der ersten parlamentarischen Demokratie gerettet!

Dass heute immer noch – zwölf Jahre nach der PISA-Studie – soziale Herkunft und Einkommen der Eltern den schulischen Erfolg unserer Kinder und Jugendlichen bestimmen, ist der niederschmetternde Befund der aktuellen Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Für die SPD, die nach dem Ersten Weltkrieg das gemeinsame Lernen der Sechs- bis Zehnjährigen gegen den erbitterten Widerstand der rechten bürgerlichen Parteien durchgesetzt hat, ist nicht hinnehmbar, dass das Kind eines Arbeiters bei gleicher Begabung eine viermal geringere Chance hat, das Abitur zu machen, als der Junge oder das Mädchen aus einer Akademikerfamilie. Auch vor dem Hintergrund der Untersuchungsergebnisse der OECD, der EU und der UN muss die SPD an der Seite der Mehrheit der Erziehungswissenschaftler stehen, die den ausgrenzenden Charakter des deutschen Bildungssystems attackieren, insbesondere die frühe Aufteilung der Jungen und Mädchen am Ende des 4. Schuljahres. Diese unpädagogische Trennung der Zehnjährigen nehme den Kindern aus bildungsfernen Familien in der Regel die Möglichkeit, milieu- und sprachbedingte Benachteiligungen auszugleichen, so das übereinstimmende Urteil der Bildungsexperten.

Eingebettet in Selbstverständnis und Tradition einer 150-jährigen Bewegung sind die Sozialdemokraten jetzt aufgerufen, für eine Schule zu kämpfen, die an die Stelle der Auslesemechanismen des tradierten Systems das gemeinsame Lernen und die individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen rückt. Allen Kindern – gleich welcher Herkunft – gleiche Bildungschancen zu eröffnen, ist und bleibt das Ziel sozialdemokratischer Bildungspolitik!

Berthold Wittich
Schulstraße 44
36251 Ludwigsau

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