Herausragendes Theater dank Hinkel

Thema: Bilanz der Bad Hersfelder Festspiele

Nachdem ich vor zwei Jahren angesichts der Hexenjagd von Herrn Wedel sehr kritisch war, möchte ich nun, nach meinem Besuch von „Peer Gynt“ meine Freude äußern: Mir hat das Stück sehr, sehr gut gefallen! Gutes Theater überragt jeden Spielfilm, indem es den Text nicht einfach möglichst getreu in seiner Zeit wiedergibt, wie es ein guter Spielfilm tut. Gutes Theater überträgt einen klassischen Text aus seiner Zeit in unsere, gibt uns Denkanstöße, zeigt uns bisher verschlossene Sichtweisen.

Genau dies macht Peer Gynt: Menschen aus dem Meer erscheinen in der ersten Hälfte. Wer muss da nicht sofort an Flüchtlinge denken?!

Doch dieser Flüchtling ist kein uns in Weise und Wünschen Fremder, es ist Solveig. Solveig ist die Frau, welche Peer Gynt liebt, seine unstete Oberflächlichkeit vergibt und ihm ein stabiles Heim bietet, aber auch in Peer Gynt sucht. Im Stück tritt sie auf die Bühne ohne alles. Sie verlor Familie und Freunde. Wird unsere Debatte über Flüchtlinge diesen Werten, dieser ernsthaften Suche der Flüchtlinge nach Werten, die unseren ähneln, gerecht? Der Preis für diese Anlehnungen an das Heute ist hoch: Verzichtet die Inszenierung auf komische Szenen, wie die, als Peer Gynt seine Mutter auf ein Dach hebt, um sie von seiner Brautwahl auszusperren, die berühmte Hirschjagd schwächelt auf Surfbrettern. Und der Vater Peer Gynts wird vom Lebemann zum Holzhacker, der mit dem Sohn sich kurze Momente des Träumens gönnt.

Der Trollkönig wird zum Netzkönig. Der Trollschwanz ein Plug-In ans Netz voller sozialer Netzwerke. Das Internet wird zum Ort der Trolle, verbunden mit dem Trollmotto: „Seid dir selbst genug.“ Der Koch, welchen Peer Gynt ertrinken lässt, spricht sächsisch. Die Sprache derer, welche die Welle an Flüchtlingen am meisten ängstigt.

Solche Denkanstöße findet man nur im großen Theater. Gerne reise ich hierfür nach Bad Hersfeld und empfehle es weiter. Herr Hinkel gibt Hersfeld mit Peer Gynt anspruchsvolles und herausragendes Theater zurück. Vielen Dank!

Benjamin Händel,

Ebersberg