Interview

Schauspiel-Legende und Klimbim-Star Ingrid Steeger: „Die sexy Rollen habe ich nie gemocht“

+
Kokett wie eh und je: Die Schauspielerin Ingrid Steeger auf dem roten Redaktionssofa. Bei den Bad Hersfelder Festspielen feiert der einstige Klimbim-Star ein Comeback.

Sie spielt Fräulein Montag in Kafkas "Der Prozess" bei den Bad Hersfelder Festspielen: Ingrid Steeger. Im Interview offenbart sich die verletzliche Seite der 72-Jährigen.

Klein und zerbrechlich wirkt sie, als Ingrid Steeger gemeinsam mit Pressesprecherin Monika Liegmann ins Hotel am Kurpark kommt. „Mein Knie macht Probleme“, sagt sie entschuldigend beim Hinsetzen. Es hat lange gedauert, bis dieses Interview stattfinden konnte. 

Gnadenlos wird sie von der Boulevard-Presse gejagt, Paparazzi lauern ihr auf – auch in Bad Hersfeld. Die Festspiele schotten sie ab, um Ingrid Steeger zu schützen.

Es dauert eine Weile, bis Ingrid Steeger Vertrauen fasst. Verständlich. Wir plaudern über Berlin – „das mag ich gar nicht mehr“ – und sie erzählt, wie sehr sie ihren kleinen Yorkshire-Terrier vermisst. Sehr schnell merkt man, da sitzt eine verletzliche Frau. Eine Frau, die auch oft verletzt wurde. 

Das Leben hat es ihr nicht immer leicht gemacht – vor allem die Männer. Und doch ist da diese Aura, diese besondere Ausstrahlung, mit der sie seit jeher das Publikum bezaubert hat. So auch jetzt, als Fräulein Montag, in Joern Hinkels Festspielinszenierung von Franz Kafkas „Der Prozess“*.

Frau Steeger, die Kritiken für Ihren Auftritt als Fräulein Montag in „Der Prozess“ sind sehr positiv. Vom „Comeback der Ingrid Steeger“ ist zu lesen. Wie empfinden Sie das selbst?

Na ja, eigentlich ist es ja kein richtiges Comeback, denn ich habe nur ein Jahr lang mit dem Theaterspielen pausiert*. Vorher habe ich jahrelang in ganz verschiedenen Stücken gespielt und war unentwegt unterwegs. Aber ich habe eine Eisenmangel-Anämie und musste deshalb im Krankenhaus behandelt werden. Das wurde in der Boulevard-Presse ziemlich aufgebauscht. 

As time goes by: Ingrid Steeger als „Fraulein Montag“(hier mit Thorsten Nindel als Titorelli) in „Der Prozess“...

Jetzt hier Kafka spielen zu dürfen, das ist für mich ein Neuanfang. Manchmal fange ich richtig an zu zittern auf der Bühne, weil ich mich so in meine Rolle reinsteigere. Aber wer erschießt sich auch schon gern selbst auf der Bühne. Dem Pförtner am Bühneneingang sage ich danach immer, ich habe mich schon wieder erschossen ... (lacht) Lesen Sie auch:  Freunde helfen Ingrid Steeger aus der Krise: Jetzt ist sie an einem geheimen Ort*

Sie stehen hier mit einem großen Ensemble auf der Bühne, darunter Hollywood-Star Marianne Sägebrecht, aber auch jüngere Kollegen. Wie ist die Zusammenarbeit?

Marianne Sägebrecht ist ein Schatz, ein Engel, wir wohnen hier ganz in der Nähe und mögen uns sehr. Wir gehen zusammen essen, und sie kann auch gut kochen. Aber es ist ein sehr großes Ensemble, da ist es schwer mit allen Kontakt zu halten, und wir wohnen ja auch ganz weit verstreut hier in der Stadt. Ich habe aber auch Kontakt zu anderen Kollegen, einer hat zwei Hundchen – und wer Hunde hat, den mag ich sowieso. Haben Sie auch Hunde?

... ich habe einen Kater, gilt das auch?

Na, Katzen sind ein bisschen anstrengend, die wecken einen andauernd. Ich mag aber nur kleine Hunde, große Hunde machen Ärger.

Die Sorge um ihren Hund treibt sie um, auch im Gespräch mit unserer Zeitung. Ein früherer Bekannter hat ihr das Tier weggenommen, sie spricht von Entführung, hat Polizei und Juristen eingeschaltet. Ihr treuer Begleiter fehlt ihr. Ein wenig erahnt man dabei auch die Einsamkeit, mit der selbst große Künstler zu kämpfen haben.

Sie sind hier in Bad Hersfeld ja auch viel in der Stadt unterwegs, haben keine Berührungsängste machen Handyfotos mit den Fans. Wie gefällt es Ihnen hier?

Ich bin gern hier! Die Leute sind alle sehr freundlich und nett. Und die Stadt ist ganz entzückend. Viele sprechen mich an und alle klopfen mir auf die Schulter – na ja nicht alle, das wäre ja auch zu anstrengend. Sogar die Autofahrer sind so höflich und halten an, wenn man am Straßenrand wartet. Das kenne ich aus den Großstädten gar nicht. (lacht) Ich bin hier die Königin.

Aber das ist doch schon Brigitte Grothum in „Shakespeare in Love“?

Ich mag Brigitte Grothum sehr gern. Unter ihrer Regie habe ich die Buhlschaft gespielt. Und jetzt soll ich wieder in Potsdam spielen – im „Jedermann“, die Werke. Aber so langsam will ich keine Dramen mehr spielen ...

Als Sie nach Bad Hersfeld kamen, ging es Ihnen gesundheitlich nicht so gut, was zu allen möglichen Spekulationen geführt hat. Jetzt geht es Ihnen offenbar besser?

Perfekt nicht. Ich muss aufpassen, dass mir nicht schwindlig wird, ich nehme viele Vitamine und bekomme Infusionen – trotzdem machen mir Regen und Hitze auf der Bühne nichts aus.

Langsam taut Ingrid Steeger auf. Neckisch piekt sie den einen Reporter mit dem Zeigefinger in den Bauch und mahnt ihn, doch etwas abzunehmen. Den anderen lobt sie wegen seiner „schönen, grauen Locken“, die er bloß nicht abschneiden soll. Da ist sie wieder, die Frau, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung Generationen von Männer betört hat.

Sie haben etwas geschafft, was nur wenigen Schauspielern gelingt. Sie sind mit einem einzigen Satz weltberühmt geworden ...

...dann mach ich mir ’nen Schlitz ins Kleid ...

Sie wissen gleich, was ich meine. Sie sagen ihn auch etwas selbstironisch im „Prozess“. Finden Sie es heute blöd, dass man das immer mit Ingrid Steeger in Verbindung bringt?

... und als Göre Gabi in Klimbim 1974.

Das geht wohl nicht anders. Aber es nervt manchmal etwas, wenn mir die Leute das auf der Straße nachrufen. Als ich gelesen habe, dass das auch im Drehbuch drinsteht, war ich anfangs etwas stinkig, weil ich dachte, nee, nicht schon wieder. Aber ich bekomme immer Applaus dafür. Das finde ich etwas seltsam, es ist doch nur ein Satz.

Sie haben in vielen Rollen gespielt, aber vor allem bringt man sie mit „Klimbim“ in Verbindung. War das die schönste Zeit in Ihrem Leben?

Nein, das war die schlimmste Zeit, sehr anstrengend, eine Horrorzeit. Ich war mit ja mit Michael Pfleghar (Der Produzent von Klimbim – Anmerkung der Redaktion) liiert, der sich später erschossen hat. Er hat mich oft gemaßregelt, aber ich habe in dieser Zeit auch sehr viel gelernt.

Also, jetzt kann ich es ja verraten – ich habe damals wegen Ihnen in mancher Nacht nach Klimbim nicht so gut geschlafen ...

...na, das freut mich ja.

Sie galten damals als Sex-Idol. Wie geht man mit so einem Titel um?

Gar nicht. Deshalb habe ich mich nach Klimbim auch zurückgezogen und seither zum Beispiel keine Kleider mit tiefen Ausschnitt mehr getragen. Heute werden aber im Internet all die alten Fotos von damals ausgegraben. Das finde ich schlimm, denn ich kriege ja keinen Cent dafür. Sonst würde ich vielleicht ein Auge zudrücken. Fotos, die mir nicht gefallen, die zerreiße ich einfach.

Im Gespräch mit Ingrid Steeger erahnt man nur die Abgründe, in die sie geblickt hat. Der „Schlitz im Kleid“ hat offenbar auch tiefe Risse in ihrer Seele hinterlassen.

Welche Zeit war für Sie rückblickend denn die schönste?

Ich habe viel im Fernsehen gemacht. Derrick zum Beispiel. Der Horst Tappert ist ja auch schon tot. Manchmal frage ich mich, wer eigentlich noch lebt? Mit Fritz Wepper habe ich mich immer gut verstanden. Wir haben uns gern über den etwas humorlosen Horst Tappert lustig gemacht. Heute erinnern sich aber alle vor allem an Klimbim. Aber ich war ja auch gut darin. Vor allem mochte ich die Gabi mit der Zahnlücke. Jungen- und Kinderrollen habe ich gern gespielt. Die sexy Rollen hingegen eigentlich nie ...

Wie geht es nach Bad Hersfeld für Sie weiter?

Ich will mit meiner Schwester zusammen nach Bremen ziehen. Aber wir suchen noch nach einer geeigneten Wohnung. Na, und dann spiele ich den „Jedermann“ – das reicht ja erst mal. Aber Theater ist für mich immer drin.

Zur Person Ingrid Steeger

Ingrid Steeger (72) wurde 1947 in Berlin geboren. Nach der Handelsschule wurde sie als Fotomodell entdeckt. Sie spielte in zahlreichen, auch freizügigen Filmen, bevor sie in den 1970er-Jahren durch die Serie „Klimbim“ bundesweite Popularität erlangte. 

Danach war sie in zahlreichen Fernsehfilmen zu sehen – darunter auch „Der Große Bellheim“ von Dieter Wedel, mit dem sie einige Jahre liiert war. Sie war zweimal verheiratet, ihre Beziehungen zu Männern waren oft schwierig, darüber hat sie auch ein Buch geschrieben. Ingrid Steeger lebte zuletzt zurückgezogen in München.

Von Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz

Nach dem Interview beim Fotografieren auf dem roten Redaktionssofa ist sie wieder ganz die alte Ingrid Steeger. Kokett posiert die 72-Jährige für den Fotografen. Man möchte sie in den Arm nehmen und vor der Welt da draußen beschützen.

*hersfelder-zeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Kommentare