Wochenend-Kolumne

Zwischen den Zeilen: Wut und Mut

Kai A. Struthoff

Ich bin entsetzt, wütend und beschämt: An der internationalen John-F.-Kennedy-Schule in Berlin – meiner alten Schule! – wurde ein jüdischer Schüler über Monate Opfer übelsten antisemitischen Mobbings.

Bundesweit berichten die Medien über diesen schrecklichen Vorfall. Dabei waren wir Kennedy-Schüler immer so stolz auf unsere weltoffene, tolerante und liberale Schule, an der Hautfarbe, Religion und Nationalität nie eine Rolle gespielt haben. Wir waren dort immer nur Mitschüler, Mitmenschen, Weltbürger.

Bei aller persönlichen Bestürzung – leider ist meine alte Schule kein Einzelfall. Auch bei uns im beschaulichen Wippershain wurden ja unlängst Davidsterne gesprüht und Forstbeamte als „Windjuden“ diffamiert. Haben wir nichts aus der Geschichte gelernt?

In was für einer Welt leben wir inzwischen? Wie kalt müssen zum Beispiel die Herzen der Herrschenden sein, dass Flüchtlingsschiffe mit Frauen und kleinen Kindern an Bord von einem Hafen zum nächsten verschoben werden. Nun sollen europäische Flüchtlingslager eingerichtet werden. Ob dort wohl die Probleme der Welt gelöst werden können? Oder sind derartige Orte der Hoffnungslosigkeit nicht nur neue Brutstätten des Terrors?

Man könnte verzweifeln. Gott sei Dank gibt es aber überall und auch bei uns im Kreis engagierte Menschen, die ihren Kopf trotzdem nicht in den Sand stecken. Im Buchcafé kamen in dieser Woche einige von ihnen – ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Pfarrer, aber vor allem auch einige der Geflüchteten selbst zu Wort. Haben Sie schon mal mit jemand gesprochen, der zehn Tage zusammengepfercht in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer um sein Leben gefürchtet hat. Ich bislang nicht. Natürlich kennen wir die Bilder, die Geschichten, aber wenn sie plötzlich das Gesicht eines Menschen bekommen, berühren sie noch viel mehr.

Mit großem Engagement versuchen die allermeisten der neuen Mitbürger, bei uns Fuß zu fassen. Beeindruckt haben mich zum Beispiel die beiden Männer aus dem Iran und aus Syrien, die jetzt in der Alheimer Feuerwehr aktiv sind. „Wir haben so viel Hilfe und Unterstützung von den Deutschen erhalten, wir möchten etwas zurückgeben“, erzählten sie in erstaunlich gutem Deutsch. Solche Geschichten machen Mut in schweren Zeiten.

Mut vor allem fehlte auch Jogis Jungs. Zum frühen WM-Aus unserer Nationalelf ist eigentlich alles gesagt und geschrieben. Schade! Gemeinsam Fußballgucken, Jubeln und Feiern hätte uns ganz gutgetan. Stattdessen kommt nun auch noch der Fußballfrust über uns.

Immerhin haben wir Hersfelder ja etwas, worauf wir uns freuen können: Am Freitag beginnen die Festspiele. Bei der HZ-Matinee am vergangenen Sonntag haben wir alle einen schönen Vorgeschmack auf die spannenden Stücke und tollen Schauspieler bekommen, die uns dort erwarten. Und außerdem sind ja gerade die schönsten Wochen des Jahres – die Schulferien. Also Kopf hoch, auch wenn es zuweilen schwerfällt.

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