ZWISCHEN DEN ZEILEN

Mädchen früher und ein altes Ferkel

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Karl Schönholtz

Unsere Wochenkolumne beschäftigt sich diesmal mit einem altmodischen Frauenbild und einem aktuellen Ärgernis.

Alle reden über Corona, doch es gibt auch ein paar virenfreie Themen. Zum Beispiel den Weltfrauentag. Der hat zwar schon am vergangenen Wochenende stattgefunden, war aber für HZ-Leserin Renate Dickel Anlass, uns auf zwei Briefe aufmerksam zu machen, die die Situation der Frauen vor einem halben Jahrhundert dokumentieren.

Die Hersfelderin erlernte Ende der 50er Jahre in der Kanzlei von Max Becker den Beruf der Rechtsanwaltsgehilfin. Der Jurist war damals auch Abgeordneter der Liberalen und Vizepräsident des Deutschen Bundestages – in seinen Ansichten aber offenbar noch sehr konservativ.

In einem Schreiben zum Lehrvertrag heißt es: „Die Lehrlinge – meist Mädchen – haben gar nicht die Absicht, Anwalts- und Notargehilfen zu werden, sondern wollen Stenotypisten werden, sich etwas für ihre Aussteuer verdienen und dann, wenn es geht, heiraten.“

In einem anderen Brief schrieb Becker, der auch einer der Väter des Grundgesetzes war: „Weibliche Lehrlinge wollen bestimmt nicht in der Zukunft einmal Bürovorsteher werden, sondern Geld verdienen und dann heiraten.“

Renate Dickel hat dem strengen Lehrherrn später das Gegenteil bewiesen: Sie arbeitete erst verantwortlich in der Exportabteilung von Bigelow Nobel und danach 25 Jahre im Redaktionssekretariat der Hersfelder Zeitung, dort quasi als Bürovorsteherin, die den Laden jederzeit im Griff hatte.

Was noch gar nicht im Griff ist, ist die Situation am Bad Hersfelder Bahnhof. Dort geht es nicht nur um den Müll auf den Bahnsteigen und in der Unterführung, sondern auch um die Zustände in der Wartehalle. Trotz unübersehbarer Rauchverbots-Piktogramme wird hier gequarzt, was die Lunge hergibt – für Nichtraucher und Menschen, die sich ihre Klamotten nicht einstänkern lassen wollen, ein unerträglicher Zustand.

Schlimmer noch: Neulich wurde ein älterer Herr dabei erwischt, wie er in der in der Halle gegen die Wand gepinkelt hat. Geht’s noch?

Hier müssen die Stadt, die Bahn und der private Eigentümer der Immobilie schnellstmöglich und gemeinsam handeln. Ich hätte im Übrigen nichts gegen eine Videoüberwachung in der Halle.

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