Wochenendkolumne

Zwischen den Zeilen: Herz, Heimat und Haiti

Kai A. Struthoff

Um die abgesagten Veranstaltungen in diesem Jahr, die Schönheit der Region und fast leere Stadtbusse geht es in der aktuellen Kolumne von Kai A. Struthoff.

Daswird ein trauriges Jahr: Keine Festspiele, kein Strandfest, kein Open-Flair, kein Weinfest, kein Hippiefestival – und vielleicht auch kein Lullusfest. Für Handel, Hotellerie, Gastronomie, aber auch für Schauspieler und Schausteller ist das ein wirtschaftliches Desaster. Grund genug, die heimischen Betriebe zu unterstützen: Zum Beispiel mit der Aktion „Mein Herz schlägt HEF“ des Stadtmarketingvereins. Sie läuft gut an und zeigt, dass viele Menschen solidarisch sind, damit unsere Stadt und die Region auch nach Corona lebens- und liebenswert bleiben.

Auch ohne Feste und Festspiele liegt es an uns, das Beste aus der Situation zu machen. Ich bin froh, in dieser schwierigen Zeit in Bad Hersfeld, im ländlichen Raum, und nicht in einer Großstadt zu wohnen. Denn hier kann man – mit Abstand zu anderen – das Frühlingserwachen genießen. Ich war am Osterwochenende erstmals wieder mit meinem E-Bike unterwegs und habe wieder mal festgestellt, wie schön es hier ist. Blühende Bäume, Sträucher und Rapsfelder, wunderbare Rad- und Wanderwege.

Wir leben dort, wo andere jetzt gern Urlaub machen würden. Das vergisst man leicht. Obwohl auch wir gerade schweren Herzens unsere Urlaubsreise abgesagt haben, freue ich mich auch irgendwie auf den Sommer in der Heimat – wenn nur die ganze Gartenarbeit nicht wäre ... Aber vielleicht ist es nach Corona ja wie nach einer Diät: Alles schmeckt viel intensiver und besser, wenn wir eine Weile darauf verzichten mussten. Auf jeden Fall sollte es die Wertschätzung für das breite kulturelle und kulinarische Angebot in unserer Region stärken, das manchen bislang vielleicht allzu selbstverständlich erschien.

Erst wunderte sich HZ-Leser Alf Berger, dann ärgerte er sich und hakte nach: Warum denn wohl die Hersfelder Stadtbusse während des Corona-Stillstands auch so gut wie leer im Halbstundentakt unterwegs sind, wollte er wissen und verwies auf die beiden „K“, die uns vor der Pandemie noch so wichtig waren: Klima und Kosten. Christian Scholz, für den Nahverkehr zuständiger Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, verwies bei Bergers Nachfrage auf Verlässlichkeit für Mitbürger ohne eigenes Auto und die Anschlüsse beim Bus-Rendezvous in der Breitenstraße. Ohnehin sei der Fahrplan schon im Ferien-Modus. Solche Beobachtungen sind seit Corona nichts Ungewöhnliches: In Berlin zum Beispiel sind Busse, Tram-, U- und S-Bahnen nach wie vor in dichter Folge unterwegs und kaum besser besetzt als die Hersfelder Stadtbusse.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich mit der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti – dem bitterarmen Inselstaat in der Karibik. Seither halte ich Kontakt mit der Deutschen Vize-Botschafterin, die aus Bad Kissingen stammt und uns im vergangenen Jahr zu den Festspielen besucht hat. Sie berichtet von furchtbaren Zuständen, von denen die Weltöffentlichkeit nichts mitbekommt, denn fast alle Ausländer haben Haiti verlassen. Offiziell gibt es dort zwar nur 33 Corona-Fälle, aber auch nur 1500 Testkits für elf Millionen Menschen. Krankenhäuser sind rar und in desolatem Zustand, die Versorgungslage ist verheerend – hamstern ist schlicht unmöglich. Es gab sogar Versuche, die ersten Corona-Infizierten zu lynchen. Haiti ist ein besonders krasser Fall, aber den meisten Ländern geht es in der Corona-Krise viel schlechter als uns in Deutschland. Auch dafür dürfen wir dankbar sein.

Wir sehen uns in der Natur, bleiben Sie gesund!

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