Wochenend-Kolumne

Zwischen den Zeilen: Brandstifter, -beschleuniger und Schweiger

Christine Zacharias, Redakteurin Hersfelder Zeitung
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Christine Zacharias, Redakteurin Hersfelder Zeitung

Um den Dannenröder Forst, die Digitalsteuer und Geheimniskrämerei in Neuenstein geht es in der aktuellen Wochenendkolumne von Christine Zacharias.

Die Ereignisse um den Dannenröder Forst und den Weiterbau der A 49 waren bisher für die Menschen im Kreis Hersfeld-Rotenburg relativ weit weg. Je nach Einstellung schimpfte man über den Umweltfrevel an den Bäumen oder die Aktionen der Autobahngegner, die immer öfter den Rahmen des friedlichen Protestes verlassen. Tatsächlich ist dieser Konflikt aber schon lange bei uns angekommen.

Polizisten, die dort im Einsatz sind, übernachten in Bad Hersfelder Hotels, und auch Beamte der Polizeidirektion Bad Hersfeld müssen zu Einsätzen nach Mittelhessen. Mit dem Brandanschlag auf die Firma Strabag ist nun endgültig klar, dass diese Auseinandersetzung auch uns betrifft.

Und wenn es um Brandstiftung, Gewalt und lebensbedrohliche Attacken auf Polizisten geht, dann ist der Punkt erreicht, wo der Protest eindeutig die Grenzen des Akzeptablen verlassen hat. Hier geht es nicht um Umweltschutz, sondern um Systemzerstörung und Randale.

Der Online-Handel hat schon vor der Pandemie dem stationären Einzelhandel böse zugesetzt. Corona allerdings ist für diese Entwicklung noch einmal so etwas wie ein verheerender Brandbeschleuniger. Gewiss, am Amazon-Doppel-Standort Bad Hersfeld profitieren davon zumindest einige tausend Mitarbeiter*innen, darum dürfen wir froh sein. Aber: Nachvollziehbar und auf der Hand liegend ist, was die französische Regierung entgegen aller Trumpschen-Drohgebärden jetzt durchgezogen hat – die Bescheide zur Einführung einer saftigen Digitalsteuer wurden Amazon, Google, Facebook & Co. bereits zugesendet.

Warum das in Deutschland nicht energischer forciert wurde und EU-weit noch nicht richtig in Gang gekommen ist, verstehe wer will, es ist jedenfalls längst überfällig die Profiteure der Krise an deren Bewältigung zu beteiligen. Unsere Innenstädte, unsere Art zu leben und einzukaufen, die Verbindung von städtischer Architektur, Kultur, Vergnügen, Erholung, Begegnung und Fachberatung dürfen wir uns von gefräßigen amerikanischen Riesenkraken aus dem Internet nicht schutzlos wegnehmen lassen.

Kopfschütteln in Neuenstein. Dort wächst zügig der Neubau des pharmazeutischen Großhandels im Gewerbegebiet in die Höhe. Auch von der B 324 ist das Gebäude gut zu sehen. Das Unternehmen, das dort einen neuen Standort errichtet, will aber nach wie vor nicht genannt werden.

Man wolle keine Unruhe in den bestehenden Betrieben erzeugen, erklärte auf Nachfrage unserer Zeitung der Pressesprecher und bat darum, weiter den Mantel des Schweigens über das Projekt zu decken. Funktionieren wird das trotzdem nur bedingt. Zum einen, weil in Neuenstein bereits viele Menschen wissen, welches Unternehmen da baut. Zum anderen, weil im Internet bereits Stellen ausgeschrieben sind – mit Nennung des Namens. Aber zumindest wir von der Zeitung haben nichts verraten.

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