Wochenendkolumne

Zwischen den Zeilen: Ausflüchte, Warnungen und der Mond

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Kai A. Struthoff

In unserer Wochenendkolumne "Zwischen den Zeilen" schreibt Kai A. Struthoff über Versuche, die Verantwortung wegzuschieben und dunkle Wolken am Horizont.

Es ist schon bizarr, mit welchen Ausreden die Fehling-Getreuen jetzt die Schuld für den „Smart-City-Flop“ – die gescheiterte Bewerbung um Fördermillionen vom Bund – bei anderen suchen. Zum Beispiel beim SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth. „Warum hat der denn nicht geholfen?“, fragen einige vorwurfsvoll in Internetforen und Stammtischrunden.

Wir haben Michael Roth direkt gefragt. Tatsächlich gab es zwischen ihm und dem Bürgermeister vor Monaten ein Gespräch, in dem Roth seine Unterstützung bei der Bewerbung zugesagt hatte. Nur die Kopie des Förderantrags oder Informationen zu dessen Inhalt hat er, nach eigenem Bekunden, nie erhalten. Wie soll er aber einen Antrag unterstützen, den er gar nicht kennt? Michael Roth ist verständlicherweise sauer, dass ihm nachträglich die Verantwortung für den Dilettantismus von anderen zugeschoben wird, und dass das Rathaus nicht ein einziges Mal diesen Vorwürfen gegen ihn widersprochen hat.

Noch haarsträubender finde ich allerdings den Versuch, per Leserbrief (HZ, 19. Juli), Alt-Bürgermeister Hartmut H. Boehmer – quasi posthum – die Schuld am Scheitern zu geben, weil angeblich in seiner Amtszeit so viele Schulden aufgehäuft wurden, dass jetzt die Co-Finanzierung einer Bundesförderung nicht gesichert sei.

Wie lange ist Thomas Fehling jetzt schon Bürgermeister? Richtig, seit Januar 2011! Genug Zeit, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Noch brummt die Wirtschaft bei uns im Kreis. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, es gibt millionenschwere Neuansiedlungen, die Auftragsbücher sind übervoll. Trotz eitel Sonnenschein sehen Wirtschaftsexperten aber dunkle Wolken am Horizont. Vor allem auch die im Kreis vertretenen Automobilzulieferer sollten sich für schwere See rüsten: „Die Eisberge sind schon in Sicht, aber auf der Titanic wird noch getanzt“, sagte mir einer, der sich auskennt.

Wo waren Sie vor 50 Jahren? Ich war mit meinen Eltern auf einem Campingplatz in Süddeutschland. Abends saßen wir vor unserem Wohnwagen und mein Vater zeigte auf den Mond: „Kai“, sagte er, „da oben laufen gerade Menschen rum.“ Und in der Campingplatzkneipe flimmerten im Schwarz-Weiß-TV die ersten Bilder von Neil Armstrong und Buzz Aldrin. Es ist ein Datum wie der Mauerfall oder 9/11, an das sich jeder erinnert. Damals griffen wir nach den Sternen. Und heute?

VON KAI A. STRUTHOFF

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