Rückschau und Ausblick

Zwischen den Jahren: Steinige Wege und erste kleine Schritte

Kai A. Struthoff 

In seiner Kolumne "Zwischen den Jahren"  blickt HZ-Redaktionsleiter Kai A. Struthoff zurück und voraus aufs neue Jahr. 

Zwischen den Jahren halten wir Menschen gern Rückschau, schmieden Pläne, fassen gute Vorsätze. Rückblickend bleibt uns Hersfeldern, auch hier in der kleinen HZ-Redaktion, wohl vor allem der Hessentag in Erinnerung. Ich gebe zu, ich war zuerst dagegen, dann skeptisch – und am Ende begeistert. So ging es wohl vielen. Aber die zehn tollen Tage im Juni haben die meisten überzeugt. Das „Wir-Gefühl“ hat uns alle mitgerissen. Nur schade, dass es nicht lange anhielt ...

Auch eine grandiose Festspielsaison mit dem neuen Intendanten Joern Hinkel bleibt in bester Erinnerung. Schon der Festakt mit Deniz Yücel setzte Akzente – wenngleich der prominente Kollege mit seiner Äußerung zum Verfassungsschutz als „gefährlichster Behörde“ übers Ziel hinausgeschossen ist. Immerhin hat er eine Diskussion angestoßen. Ich durfte einige Monate später den Hessischen Verfassungsschutzchef Robert Schäfer, der ja aus unserem Kreis stammt, interviewen. Er machte auf mich gar keinen gefährlichen, wohl aber einen sehr nachdenklichen, feinfühligen und engagierten Eindruck. Aber auch seine Verfassungsschutzbehörde ist nicht allmächtig.

Das hat uns allen auf schmerzlichste Weise die Ermordung von Regierungspräsident Walter Lübcke vor Augen geführt. Er fehlt. Das wurde nach seinem Tod auf vielen Veranstaltungen bewusst, denn Lübcke mit seiner klugen, jovialen, an allen und allem interessierten Art, war sonst immer dabei. Jetzt nicht mehr ... Viel schlimmer aber noch: Für den feigen Mord gab es sogar Applaus in den sozialen Netzwerken. Einfach widerwärtig!

Generell wird das soziale Klima immer rauer. Die Auseinandersetzung um Straßenbeiträge, Windkraftanlagen, Lärmschutz, Bahntrassen, Kliniken und Flüchtlinge wird mit großer Leidenschaft von Mut-, Gut- und Wut-Bürgern geführt. Allerdings gehen dabei zu oft die Argumente der Gegenseite unter. Wir müssen wieder lernen, besser zuzuhören. Nicht jeder, der nicht für uns ist, ist deshalb generell gegen uns.

Eine, die besonders polarisiert, ist die junge Schwedin Greta Thunberg – für das Time-Magazin die Person des Jahres, und für mich auch. Mit ihrer kantigen, kompromisslosen und oft schroffen Art hat sie das wichtigste Zukunftsthema der Weltgemeinschaft ganz oben auf die politische Agenda gebracht. Und sie hat recht. „How dare you“, wie können wir es wagen, unseren Kindern ihre Zukunft zu nehmen? Wen wundert es, dass immer mehr Menschen Klimaflüchtlinge werden. Unerträglich auch, dass dabei das Mittelmeer zum Friedhof wird und dass zu viele Staaten einfach tatenlos zusehen. Seenotretter, wie die mutige Kapitänin Carola Rakete, werden zu den Oskar Schindlers unserer Zeit. Doch wir alle dürfen nicht wegsehen, und müssen diese seit Jahren andauernde humanitäre Katastrophe immer wieder anprangern!

Ich habe in diesem Jahr abschmelzende Gletscher, ausgetrocknete Flüsse, verdorrte Felder und ein absterbendes Korallenriff mit eigenen Augen gesehen. Und ja, dabei habe ich leider auch einen ziemlich großen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat recht: Wir werden uns einschränken müssen, Verzicht üben. Weniger Flugreisen, weniger Fleisch, keine Plastiktüten, öfter zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Viele gute Vorsätze. Aber auch lange, steinige Wege beginnen mit vielen, kleinen ersten Schritten.

Fest steht, wer leichte Lösungen für komplexe Probleme verspricht, der lügt. Die Welt wird nun mal nicht einfacher. Sie zu erklären übrigens auch nicht. Wir werden trotzdem weiter unser Bestes tun, um es wenigstens zu versuchen.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben im Namen der HZ- Redaktion einen guten Rutsch in ein glückliches Jahr 2020 – trotz allem oder gerade deswegen. kai

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