Traditionen wahren auch ohne Fest

Zwischen den Zeilen: Lollsfieber und Coronavirus

In der Kolumne Zwischen den Zeilen befasst sich Christine Zacharias damit, wie Traditionen auch ohne Lullusfest gewahrt werden.

Normalerweise wären wir an diesem Wochenende alle im Lollsfieber, also zumindest diejenigen, sich vor Jahren mit dem Lollsvirus infiziert haben. Doch in diesem Jahr sorgt ein anderes, weniger freundliches Virus dafür, dass kaum etwas normal ist. Und so wurde auch das Lullusfest abgesagt, weil die Verantwortlichen keine realistische Möglichkeit sahen, die Menschen dort auf Abstand zu halten.

Lolls ist ein Fest, das ganz viele Menschen im Herzen tragen, nicht nur einfach irgendein Volksfest. Und das geht nicht nur den Herschfellern so, sondern auch vielen Schaustellern. Auch für sie ist das Lullusfest nicht nur ein gutes Geschäft, sondern ein Ort, der mit Gefühl und Tradition verbunden ist, an dem die große Liebe der Einheimischen zu ihrem Fest auch auf die Schausteller überschwappt. Für sie ist der Gottesdienst, den Schaustellerpfarrer Volker Drewes traditionell am Vorabend des Lollsmontags hält, ein wichtiges Ereignis, bei dem sie sich und ihre Familien unter Gottes Segen stellen. Als nun bekannt gegeben wurde, dass der Gottesdienst trotzdem stattfindet, allerdings in der Kirche, haben sich gleich ganz viele Schausteller dafür angemeldet.

Zuspruch und Segen brauchen gerade die Schausteller in diesem Jahr besonders dringend, schließlich ist ihnen ein ganzes Einnahmejahr mehr oder weniger komplett weggebrochen. Immerhin darf die Lollsbude, in der gebrannte Mandeln, Schaumwaffeln und allerlei andere Lolls-Devotionalien verkauft werden, auf dem Platz des Festzelts bis zum 18. Oktober stehen bleiben. Am Sonntag und Montag, 11. und 12. Oktober bleibt sie aber geschlossen – sicher ist sicher..

Viele Herschfeller empfinden vor allem Wehmut, dass ihr Fest dieses Jahr ausfällt. Und so wird allerorten nach kreativen Alternativen gesucht: Die städtischen Kindergärten zum Beispiel organisierten Basteleien und Spiele mit Kastanien, und im privaten Rahmen sind einige Lullusfeuer geplant, in die dann Kastanien geworfen werden können und die eine schöne Gelegenheit bieten, den Likör gleichen Namens zu verkosten. Denn der schmeckt bekanntlich am besten im Freien und am Fierche. Wer in kleinem Rahmen unter dem Motto „Lolls im Herzen – wir feiern zuhause“ dem Lollsmontag in Coronazeiten die Ehre gibt, kann gerne Fotos an die Hersfelder Zeitung schicken (redaktion@hersfelder-zeitung.de) mit einer kurzen Beschreibung, wer und was dort zu sehen ist – natürlich mit Corona-Abstand.

Der kleine Fackelzug, den einige engagierte Lollsfreunde am Sonntagabend geplant hatten, wurde allerdings kurzfristig abgesagt aus Sorge, dass wesentlich mehr Menschen dort auftauchen, als geplant und dass es dann Probleme geben könnte.

Gefeiert wird aber trotzdem. „Das ist schließlich Tradition“, erklärte der Kollege, der immer am Lollsmontag und -dienstag Urlaub nimmt, um Tag und Abend mit seinen Kumpels feuchtfröhlich zu verbringen und am Dienstag dann die Folgen auskuriert. Man werde aber auf Abstand und alle nötigen Regeln achten, versichert er. Dass auch alle anderen Lollsbrüder und -schwestern mit Vernunft und gebremstem (Bier)-Schaum am Montag unterwegs sind, kann man nur hoffen. Und da, wo die Vernunft nicht reicht, soll wohl freundlich, aber mit Nachdruck durchgegriffen werden. „Wir sind präpariert“, versichert Stadtsprecher Meik Ebert.

Und die Feuerrede des Bürgermeisters? Die wird es wohl geben – im Internet. Mehr dazu am Montag. (Christine Zacharias)

Rubriklistenbild: © Maaz, Nadine

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