"Bericht für eine Akademie"

Zwei Wesen in einem Körper: Koch und Lang loteten Kafkas Doppelbödigkeit aus

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Samuel Koch und Robert Lang spielten in dem Stück ein und dasselbe Wesen. 

Samuel Koch und Robert Lang spielten in dem Stück "Bericht für eine Akademie" ein und dasselbe Wesen.

Das Eindringen eines „gewesenen Affen in die Menschenwelt“ war der Gegenstand des „Berichts für eine Akademie“ von Franz Kafka, den Samuel Koch und Robert Lang auf die Bühne im Kapitelsaal des Museums im Stift gebracht haben.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Ein Schimpanse wird im Urwald gefangen, in einem Käfig per Schiff in Hagenbecks Tierpark nach Hamburg transportiert und tritt nun, nachdem er sich den Menschen fast perfekt angepasst und die Bildung eines „durchschnittlichen Europäers“ erworben hat, als Attraktion im Varieté auf. In einem Vortrag berichtet er nun den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Akademie von seiner Menschwerdung.

Doch hinter der einfachen Geschichte steckt, wie immer bei Franz Kafka, natürlich noch viel mehr: Der Kampf zwischen dem äffischen und dem menschlichen Wesen im Körper des Affen, die Frage nach der Existenz von Freiheit oder eines freien Willens, die im Text immer wieder dadurch relativiert wird, dass am Ende nur die Wahl zwischen Varieté und Zoo bleibt und die Analogie, die Kafka zwischen Erziehung und Dressur zieht. Letztere wurde im Kontext mit dem „Prozess“ und der vor einigen Wochen gehaltenen Lesung des „Briefs an den Vater“ geradezu exemplarisch deutlich.

Im Brief an den Vater schildert Kafka die Brechung des freien Willens des Kindes durch den Vater, hier ist es die Dressur und die Entscheidung des Affen für den „Ausweg“, die Anpassung an die Menschenwelt, die ihn ins Varieté führt. Beide Alternativen dienen letztendlich – und auch das wird geradezu schmerzhaft deutlich – vor allem der äußerlichen Anpassung, der Ent-Individualisierung und der Sicherstellung des komplikationslosen Funktionierens des Einzelnen.

Samuel Koch und Robert Lang verliehen dem eigentlich als Monolog angelegten Text eine geradezu schmerzliche und sehr eindringliche Plastizität. Koch, der seit einem Unfall wegen einer Querschnittslähmung nur sehr eingeschränkte körperliche Bewegungsmöglichkeiten hat, wurde von seinem ehemaligen Studienkollegen Robert Lang getragen. Beide Schauspieler waren mithilfe von Gaffa-Tape, einem Spezialklebeband, buchstäblich aneinandergefesselt. Es entstand ein eigentümliches Wesen mit zwei Köpfen sowie vier Händen und Armen. Die beiden monologisierten, traten miteinander in Dialog, sprachen und sangen zweistimmig und ein Teil des Wesens spielte Mundharmonika, während der andere sprach. Die Doppelung der Person verursachte nicht nur eine „Zweiköpfigkeit“, sondern auch eine eigentümliche Körperbewegung. Lang, der immerhin 120 Kilogramm über die Bühne zu bewegen hatte, vollbrachte eine eindrucksvolle körperliche Leistung. Beide Partner waren sich nicht nur körperlich nahe, sie agierten quasi wie ein Wesen, in dem mehrere steckten und verliehen damit dem menschgewordenen Affen auf einzigartige Weise Gestalt und ließen sowohl die Schönheiten als auch die hässlichen Seiten der Figur aufblitzen.

Im Anschluss an die Lesung stellten sich die beiden sympathischen Protagonisten den Fragen des Publikums. uj

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