Ein Sternlein am Himmelszelt

Zum Totensonntag wird auch in Bad Hersfeld der Kinder gedacht, die nie geboren wurden

Die Kapelle auf dem Hersfelder Hauptfriedhof: Hier werden die Sternenkinder verabschiedet.
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Die Kapelle auf dem Hersfelder Hauptfriedhof: Hier werden die Sternenkinder verabschiedet.

Eltern, die ihr ungeborenes Kind verlieren, können es seit einigen Jahren bestatten lassen. Viermal im Jahr finden auf dem Hauptfriedhof in Bad Hersfeld Trauergottesdienste für die sogenannten Sternenkinder statt.

Bad Hersfeld - Im Februar 2019 geht Tina Müller* spazieren, als der Schwangeren plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schießt. „Ich glaube, mein Kind stirbt“. „Ich war sehr erschrocken über diesen Gedanken und habe ihn schnell wieder verworfen“, erzählt die 25-Jährige. Einen medizinischen Grund für ihre Sorge gibt es nicht, Müller geht regelmäßig zum Arzt und bei den Kontrollen war nichts Auffälliges bemerkt worden.

Ein paar Tage nach ihrem Spaziergang hat Tina Müller wieder einen Besuch bei ihrem Arzt. Der setzt das Ultraschallgerät an. „Da ist kein Herzschlag, oder“, fragt Tina Müller entsetzt. Die 25-Jährige und ihr Partner starren auf den Monitor der Arztpraxis, Füße, Hände und ein Kopf – alles ist schon zu erkennen.

„Das kann passieren“, sagt der Arzt und schaltet das Gerät aus, dreht sich zu den Eltern um, und beginnt mit ernster Mine das weitere Verfahren zu erklären. Dass es eine Ausschabung, also das Entfernen der Gebärmutterschleimhaut samt Fötus geben wird, dass dies im Krankenhaus durchgeführt wird, – der Gynäkologe will die Eltern informieren. „Das ist alles gar nicht mehr zu mir durchgedrungen“, sagt Tina Müller und fügt hinzu: „Ich war in der elften Schwangerschaftswoche.“

Als Tina Müller in die Klinik kommt und die Ausschabung geplant ist, gibt eine Krankenschwester dem Paar noch einen Flyer. „Hier können sie ihr Kind beerdigen lassen, wenn sie das möchten“, sagt sie.

Totgeborene Kinder unter 500 Gramm wurden früher entsorgt

Denn selbstverständlich ist das nicht. Bis 2013 wurden totgeborene Kinder, die unter 500 Gramm wogen, bundesweit, nicht bestattet, sondern entsorgt. Damit sich das änderte, setzten sich betroffene Eltern ein und so entschied die Bundesregierung vor sieben Jahren, dass ab sofort auch leichtere Föten beerdigt werden dürfen.

Trotzdem werden die totgeborenen Kinder nur dann bestattet, wenn die Eltern das auch möchten. Tina Müller und ihr Partner entschieden sich für eine solche, sogenannte Sternenkinderbestattung.

Sternenkinder werden all jene genannt, die vor, während, oder kurz nach der Geburt sterben. „Die erste Unterschrift für unser Kind war der Bestattungsbrief“, erzählt Tina Müller traurig.

Auf dem Hersfelder Stadtfriedhof steht Pfarrerin Elke Henning vor einem Weidenkorb, der mit einem Samttuch ausgelegt ist. Sie legt einen gelben Papierstern neben den Korb mit dem Sarg und sagt: „Du warst wie eine Sternschnuppe, hell, und wir konnten dich kurz sehen.“

Bei der Trauerfeier für die Sternenkinder, sind die Eltern in Schwarz gekommen und haben Blumen mitgebracht. Auf dem Hauptfriedhof in Bad Hersfeld gehen die Pfarrerin und Karin Glorius vom Hospizverein Bad Hersfeld zusammen mit den Eltern zum Gräberfeld.

Blumen, Kuscheltiere und Kerzen

Neben einem japanischen Kirschbaum werden die Sternenkinder beerdigt. An einer Kunstinstallation daneben legen Verwandte und Freunde Blumen, Kuscheltiere und Kerzen ab.

Viermal im Jahr, am ersten Donnerstag im Februar, Mai, August und November bieten der Hospizverein, das Klinikum und die Stadt seit 2008, Sternenkinder Beerdigungen an. Ein Sternenkinderfeld plant auch die Stadt Rotenburg. „Das gibt Halt und einen Ort zum Trauern“, sagt Annika Ludwig, Sprecherin der Stadt.

Ob Eltern bei der Bestattung dabei sein wollen, sei aber jedem selbst überlassen, so Felicitas-Susanne Lamm, Vorsitzende des Hospizvereins Bad Hersfeld. „Auch wenn die Eltern nicht dabei sein möchten, aber zugestimmt haben, beerdigen wir die totgeborenen Kinder.“

Unverständnis nach der Fehlgeburt

Dass ein würdiger Abschied möglich ist, war auch für Tina Müller wichtig. „Man will dem Kind ja auch die letzte Ehre erweisen“, sagt Müller. Außerdem seien Sternenkinderfelder wichtig für die Eltern, weil sie die Existenz eines Lebens anerkennen, so die 25-Jährige. „Das zeigt ja, dass es nicht nichts war, sondern ein Kind“, sagt Müller, die nach der Fehlgeburt oft auf Unverständnis stieß. „Mir wurde gesagt, ich solle eben ein neues Kind bekommen“, oder „es war doch eh noch so klein.“

Umso wichtiger ist es Müller, auf die emotionale Belastung einer Fehlgeburt aufmerksam zu machen.

Heute ist Tina Müller wieder Mutter. Sohn Simon ist erst ein paar Monate alt. „Er ist mein zweites Kind“, sagt Tina Müller.

(*Name von Redaktion geändert), (Kim Hornickel)

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