Mehr Kinder brauchen Hilfe

Zahl der Schulbegleitungen im Landkreis nimmt zu

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Mehr als nur daneben sitzen: Schulbegleitung ist ein sozialer Beruf, der in vielen verschiedenen Bereichen Kompetenz fordert. Unser Symbolbild zeigt eine Schulbegleiterin mit einer Schülerin in Baden Württemberg. 

Schulbegleiter helfen Kindern, die aufgrund einer Behinderung nicht allein zur Schule gehen können: Auch im Landkreis steigt der Bedarf an Assistenz für Schulkinder.

Sie helfen Kindern, die aufgrund einer Behinderung nicht allein zur Schule gehen können: Schulbegleiter oder auch Teilhabeassistenten. Auch im Landkreis steigt der Bedarf an Assistenz für Schulkinder. Das haben der stellvertretende Leiter des Fachdienstes Soziales, Klaus Landgrebe, und die Fachdienstleiterin für Kinder- und Jugendhilfe, Anette Kranz, festgestellt. Beide Ämter des Landkreises sind mit der Schulbegleitung befasst, weil die Finanzierung der Assistenzen bei körperlich und geistig Behinderten über das Sozialamt organisiert wird. Bei seelischer Behinderung, die sich meist in Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar macht, ist das Jugendamt zuständig. Anders als bei körperlich und geistig Behinderten, werden bei den seelisch Behinderten pädagogisch ausgebildete Kräfte in der Assistenz eingesetzt, erklärt Kranz. Bis zum Stichtag 31. Dezember 2018 hatte der Fachdienst Soziales 83 Anträge auf Begleitung in Förder- und Regelschulen bewilligt. Im Fachdienst Jugendhilfe gibt es aktuell 52 Teilhabeassistenzen. Eltern müssen die Finanzierung der Schulbegleitung beim Kreis beantragen, dann werden Beeinträchtigungen und Bedarf geprüft, schildert Klaus Landgrebe das Procedere. Eltern können selbst Arbeitgeber eines Schulbegleiters sein, dazu steht ihnen ein persönliches Budget zur Verfügung. „In den meisten Fällen bitten sie aber darum, eine Assistenz zu organisieren“, sagt Klaus Landgrebe. Dazu arbeitet der Kreis mit dem Frühförderzentrum am Klinikum Bad Hersfeld und mit den Sozialen Förderstätten in Bebra zusammen. Dort sind aktuell 22 Begleitkräfte angestellt, von denen einer nur als Busbegleitung arbeitet, berichtet die zuständige Mitarbeiterin Kerstin Hollstein. Die geistig und körperlich behinderten Kinder der August-Wilhelm-Mende-Schule werden in Kleinbussen zum Unterricht zu Hause abgeholt. Im Frühförderzentrum werden 57 Kräfte beschäftigt, sagt Leiter Manfred Wiedemann. 

Schulbegleiter helfen so viel wie nötig

Ein Schulbegleiter ist eine Person, die während des Pflichtunterrichts, der Pausen und auch bei schulischen Ausflügen ein Kind mit Beeinträchtigungen unterstützt. Das reicht von Hilfen bei der Organisation des Arbeitsplatzes in der Schule über Erläuterungen der Arbeitsaufgabe bis hin zu Toilettengängen und Beruhigung des Kindes bei Stressituationen – ganz individuell verschieden. Ziel ist immer, das Kind möglichst selbstständig arbeiten und agieren zu lassen.

Eine Ausbildung gibt es nicht

Wer ein Kind in der Schule begleiten möchte, braucht dazu keine besondere Qualifikation. Nötig ist nur ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Gezahlt wird der Mindestlohn. Überwiegend Frauen, darunter viele Mütter, arbeiten fest angestellt in diesem Bereich.

Bewerben kann man sich zum Beispiel bei den Trägern Frühförderzentrum des Klinikums Bad Hersfeld oder bei den Sozialen Förderstätten. Letztere beschäftigen allerdings aktuell nur Kräfte, die sich um Kinder an der August-Wilhelm-Mende-Schule kümmern, berichtet Mitarbeiterin Kerstin Hollstein. „Wir gucken ganz genau, ob die Chemie zwischen dem Kind und der Begleitung stimmt“, sagt sie. „Unsere Kinder sind besonders, man muss sich auf sie einlassen können.“

Es gebe durchaus Initiativbewerbungen von überwiegend weiblichen Interessenten. „Wir lassen sie zuvor auch reinschnuppern, damit sie die Atmosphäre bei uns und auch die Arbeit mal auf sich wirken lassen können.“

Im Frühförderzentrum, wo ebenfalls fast nur Frauen als Schulbegleiterinnen angestellt sind, nennt Leiter Manfred Wiedemann die Auswahl „kompliziert“. Man dürfe aus Gründen des Datenschutzes mit Bewerberinnen nicht über das betroffene Kind sprechen. Möglich sei aber, den Kontakt zu den Eltern herzustellen, damit die Beteiligten prüfen können, ob es passt.

Allgemeine Fortbildungen gibt es auch im Frühförderzentrum nicht – die einzelnen Bedarfe und Unterstützungsmöglichkeiten seien zu unterschiedlich, erklärt Wiedemann. Die Träger als Arbeitgeber sowie der Landkreis sagen, sie stünden bei Problemen für Gespräche zur Verfügung. Wiedemann: „Wir versuchen eine enge Zusammenarbeit mit Klassenlehrern und Schulleitungen. Das wichtigste Ziel ist es dabei, dem Kind Selbstständigkeit zu ermöglichen.“

Das Staatliche Schulamt, die Schulaufsichtsbehörde also, ist beim Thema Schulbegleitung außen vor. Amtsleiterin Anita Hofmann fordert allerdings, dass Schulbegleiter derselben Verschwiegenheitspflicht unterliegen wie alle an der Schule Beschäftigten.

Schulbegleiter sind keine Nachhilfelehrer. „Die Wissensvermittlung bleibt Aufgabe der Schule“, unterstreicht Anette Kranz, die Leiterin der Jugendhilfe beim Kreis. Sie sieht die Schulbegleitung in der aktuellen Form durchaus kritisch: „Das System Schule müsste eigentlich so ausgestattet werden, dass die Inklusion funktioniert, ohne dass schulfremde Personen mit in der Klasse sind und ein Kind möglicherweise damit wieder eine besondere Rolle einnimmt.“ Im Koalitionsvertrag der Landesregierung gebe es zwar das Bekenntnis zur Inklusion, allerdings keins zur Finanzierung, stellt Kranz fest.

Das Land hat 31 Stellen für den gesamten Schulamtsbezirk (mit Werra-Meißner-Kreis) für die unterrichtsbegleitende Unterstützung durch sozialpädagogische Fachkräfte geschaffen (UBUS). Das hat seine Ursache allerdings nur am Rande in der Inklusion, sondern vielmehr im veränderten Verhalten, der gesamten Schülerschaft. Kleinere Klassen werden deshalb auch weiterhin eine Forderung bleiben. sis

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