HZ-Montagsinterview mit Dirk Bohn, dem neuen Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hersfeld-Rotenburg

Wurst für die Neubürger

Dirk Bohn (40) ist der neue Chef im Diensleistungszentrum für das heimische Handwerk an der Fuldastraße in Bad Hersfeld. Foto: Hornickel

Bad Hersfeld. Dirk Bohn ist seit dem 1. April der neue Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Der 40-jährige Eschweger steht an der Spitze des Dienstleistungszentrums für elf Handwerks-Innungen im Landkreis und führt die Aufbauarbeiten seines Vorgängers Arno Schöter fort. HZ-Redakteur Kurt Hornickel sprach mit dem neuen Handwerks-Manager.

Herr Bohn, Sie arbeiten nicht nur in Bad Hersfeld, sondern sind schon im vergangenen Jahr mit ihrer Familie nach Bad Hersfeld gezogen. Wie gefällt es Ihnen denn bei uns?

Dirk Bohn: Die Stadt gefällt mir gut. Und das Umfeld stimmt. Es gibt einen Kurpark und mehr Geschäfte als in meiner alten Heimat. Die Nachbarn und Menschen in den Geschäften sind alle sehr freundlich. Das zeigte mir ein Erlebnis aus den Anfangstagen. Schon kurz nach unserem Umzug waren meine jüngsten Kinder und ich in der Stadt zum Einkaufen in der Fleischerei. Dabei sagte eine Kundin zur Verkäuferin. „Machen Sie bitte den zwei Kindern mal ein Stück Fleischwurst fertig und schreiben Sie mir das auf die Rechnung.“ Von da an war ich von der Stadt begeistert.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Lebensmittelpunkt gleich an Ihre Arbeitsstelle zu verlegen?

Bohn: Der Vorstand der Kreishandwerkerschaft, mein Arbeitgeber, hat mich schon darum gebeten, meinen Wohnsitz nach hier zu verlegen. Und das macht auch Sinn. Wenn abends um 18 oder 19 Uhr noch eine Sitzung ist, kann man noch einmal kurz heimhuschen. Meine Frau und meine Kinder freuen sich immer, wenn ich zwischendurch noch einmal nach Hause komme.

Sie haben Geschäfte aufgenommen, die 30 Jahre lang untrennbar mit der Person von Arno Schöter verbunden waren. Ist das eine Belastung für Sie?

Bohn: Bisher nicht. Die Leistung meines Vorgängers gibt mir einerseits die Chance, Dinge fortzuführen, aber andererseits die Möglichkeit, neue Ideen einzuführen. Dabei denke ich an den Einsatz neuer Kommunikationstechniken und das Internet, um Informationen rasch zu verteilen und gleichzeitig die jüngere Generation zu erreichen.

Was haben sie als Erstes angepackt?

Bohn: Ich habe mich bei den Innungen, den Handwerksorganisationen und im Umfeld bekannt gemacht. Auf Grund der demografischen Entwicklung sehe ich bei Nachwuchsgewinnung für das Handwerk zukünftig eine Hauptaufgabe. Deswegen wollen wir an die jungen Leute herangehen, um sie für das Handwerk zu begeistern. Für Schüler und Schulabgänger bieten wir schon jetzt Veranstaltungen an, um Handwerksberufe selbst auszuprobieren.

Unter dem Dach der Kreishandwerkerschaft gibt es elf Innungen. Die haben womöglich widerstrebende Interessen?

Bohn: Zum Teil, aber die Nachwuchsproblematik trifft mehr oder weniger jede Fachrichtung. Bei den Kraftfahrzeugberufen ist die Nachfrage der jungen Leute größer als im Nahrungsmittelhandwerk. Trotzdem fehlen uns schon jetzt die Auszubildenden in allen Bereichen.

Nutzen die Mitgliedsbetriebe bei der Umkehr des Trends Ihre Dienstleistungen voll und ganz aus?

Bohn: In den Innungen gibt es eine freiwillige Mitgliedschaft, und die Betriebe können unsere Leistungen kostenlos in Anspruch nehmen. Das fängt an bei tariflichen Auskünften und führt über die Hilfe bei Arbeitsgerichtsprozessen und Vergünstigungen für Ausbildungsbetriebe sowie Rahmenverträge mit Automobilherstellern und Telefonanbietern bis hin zur Unterstützung bei säumigen Zahlern. Das sind Vorteile, die sich am Jahresende für die Mitgliedsbetriebe rechnen.

Haben Sie denn genug Mitglieder?

Bohn: Ja gut, auf diesem Sektor kann ich mir schon vorstellen, dass sich der Organisationsgrad noch steigern lässt. Genau das wird in den nächsten Wochen eine Aufgabe meines Vorgängers Arno Schöter sein, der die Betriebe aufsuchen wird, die noch nicht einer Innung angehören.

Hat Ihnen die Liberalisierung der klassischen Handwerksordnung geschadet?

Bohn: Zum Teil, einige Handwerke wie Raumausstatter und Fliesenleger spüren schon den Wegfall der Meisterpflicht. Durch die Liberalisierung ist zwar die Anzahl der Betriebe gestiegen, aber die Ausbildungsbereitschaft nimmt kontinuierlich ab. Dies liegt daran, dass Betriebe ohne Meister auch meistens keine Ausbildungsberechtigung besitzen. Trotzdem sind wir froh darüber, dass es unseren Handwerksorganisationen bisher gelungen ist, zu verhindern, dass noch mehr Berufsbilder gelockert werden.

Was antworten Sie jemandem, der Sie auf der Straße fragt, was ein Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft macht ?

Bohn: Vor Ihnen hat mich das noch niemand gefragt. Aber die Antwort ist nicht schwer. Neben der Geschäftsführung der Kreishandwerkerschaft und der angeschlossenen Bildungseinrichtungen vertrete ich die Interessen des regionalen Handwerks. Das heißt, ich bin in vielen Ausschüssen tätig und halte Kontakt mit Entscheidungsträgern auf allen Ebenen.

Sie selbst sind kein Handwerker, sondern ausgebildeter Kaufmann und Betriebswirt. Sehen Sie das als Vorteil oder als Nachteil an?

Bohn: Für mich ist das ein Vorteil, weil ich viel mit kaufmännischen oder rechtlichen Anfragen zum Arbeits- oder Vertragsrecht zu tun habe. Dazu gehört natürlich auch die Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu unserer Mitgliederzeitschrift, dem Meisterbrief.

Mal privat gefragt: Sie sind ein junger Mann, verheiratet, haben eine Frau, ein Haus und drei kleine Kinder. Wie kriegen Sie da die Kurve?

Bohn: Das fällt manchmal schwer. Gerade zu unseren Hauptzeiten im Frühjahr und Herbst, dann, wenn die Innungsversammlungen anstehen, kommt von meiner Frau die Standardfrage: „Wann kommste denn nach Hause?“. Trotz unserer drei Kinder bekomme ich die Unterstützung meiner Familie, die ich brauche. ZUR PERSON