Interview

Bad Hersfelder Lehrer zu Schule und Corona: „Wir müssen digital Gas geben“

Schulschließung, digitales Lernen, Unterricht in Kleingruppen: Für Lehrer hat die Corona-Krise jede Menge Änderungen mit sich gebracht.

Daniel Faßhauer mit einem Teil der Klasse G6a, die er in Deutsch unterrichtet. Die Klassen werden derzeit aufgrund der Corona-Pandemie in Kleingruppen von maximal zehn Schülern unterrichtet, zudem herrschen strenge Hygienevorschriften. Vorn auf dem Tisch steht deshalb beispielsweise Desinfektionsmittel bereit.  

Wie sich die Situation aus Sicht eines Lehrers momentan wirklich gestaltet, verriet uns Dr. Daniel Faßhauer von der Gesamtschule Obersberg in Bad Hersfeld. Mit Dr. Faßhauer sprach Kristina Marth.

Herr Faßhauer, sind Sie momentan gerne Lehrer?
Ja, auf jeden Fall. Ich finde, während Corona merkt man sogar noch mehr, dass man einen tollen Beruf hat, nämlich einen mit Menschen. Während der Schulschließung saß man ja nur zu Hause am PC und hat den Kontakt mit den Schülern gehalten – da fehlten schon das Miteinander und der direkte Austausch.
Seit einigen Wochen sind Sie wieder zurück in der Schule. Wie muss man sich den Unterricht aktuell vorstellen?
Mit normalem Unterricht ist das nicht zu vergleichen. Die Klassen sind gedrittelt, sodass in jedem Klassenzimmer maximal zehn Schüler sitzen und Partner- oder Gruppenarbeit ist nicht möglich, es findet also der klassische Frontalunterricht statt. Das schränkt die Möglichkeiten für den Unterricht extrem ein, wobei ich ganz klar der Meinung bin, dass wir hier an der Schule das Beste aus der Situation machen.
Gedrittelte Klassen – das klingt, als hätte sich der Arbeitsaufwand für Sie durch die Corona-Pandemie erhöht?
Deutlich. Die Themen, die ich unterrichte, sind natürlich identisch, aber dadurch, dass die Lerngruppen ganz unterschiedlich sind, muss ich für jede Kleingruppe separat planen, sodass ich derzeit quasi dreimal so viel Unterricht vorbereite wie sonst. Außerdem gibt es zusätzlich auch nach wie vor das digitale Angebot, zu dem immer wieder Rückfragen von Schülern oder auch Eltern kommen. Die Schüler müssen ja immer noch viel zu Hause arbeiten.
Zu Beginn der Corona-Krise hatte man den Eindruck, dass Lehrern eine große Wertschätzung entgegengebracht wurde, gefühlt ist die Stimmung in den vergangenen Wochen zum Teil aber gekippt. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich glaube, die Eltern sind in den vergangenen Wochen angespannter geworden, einfach durch den Druck, den sie selbst durch eigene Berufstätigkeit und so weiter erfahren. Das überträgt sich dann natürlich auf die Kinder und auch auf die Lehrer.
Verspüren Sie dadurch persönlich einen höheren Druck?
Weniger. Natürlich habe ich auch Gespräche mit Eltern geführt, die sehr aufgebracht waren. Insgesamt ist meine Wahrnehmung aber zumindest hier bei uns, dass die Eltern sehr rücksichts- und verständnisvoll sind und auch zu schätzen wissen, dass wir als Schule alles Mögliche tun, um ihnen wieder Arbeit abzunehmen und es für die Kinder gut zu gestalten.
Lässt sich alles für die Kinder denn derzeit wirklich gut gestalten? Immer wieder hört man die These, dass vor allem schwächere Schüler angesichts der Corona-Situation auf der Strecke bleiben…
Ich glaube, dass das Risiko bei schwächeren Schülern etwas höher ist, aber man kann das als Lehrer schon ein Stück weit beeinflussen. Entsprechend versuche ich, bei den Schülern, wo ich das Gefühl habe, dass es schwierig werden könnte, den Kontakt aufzunehmen und unterstützend einzugreifen. In meiner Klasse, einer achten Gymnasialklasse, klappt das gut - für andere kann ich das aber natürlich nicht beurteilen.
Nun kehren wir gerade vermeintlich zurück zur Normalität. Die Grundschulen sind jetzt schon zum Regelbetrieb zurückgekehrt, nach den Ferien werden die Schulen vielleicht für alle wieder regulär geöffnet. Geht das so einfach?
Ich gehöre da eher zu der vorsichtigen Fraktion. Am Anfang ging es nicht schnell genug, dass alles heruntergefahren wurde und jetzt soll alles möglichst flott wieder geöffnet werden - ein bisschen Vorsicht ist da vielleicht nicht verkehrt. Gerade wenn dann viele im Urlaub waren und zurückkommen, sollte man gegebenenfalls überlegen, ob man die Abstandsregelung nicht erst einmal doch noch beibehält.
Im Bereich Schule hat sich in den vergangenen Wochen nun gezwungenermaßen einiges geändert. Lässt sich der Corona-Krise hier auch etwas Positives abgewinnen?
Ich denke, dass im schulischen Kontext jetzt viele Entwicklungen angestoßen wurden, die über Jahre versäumt worden sind, da der Fokus nun stärker auf das Bildungswesen gerichtet worden ist. Ich hoffe, dass es jetzt endlich gelingt, im digitalen Bereich Gas zu geben und längst überfällige Entwicklungen aufzuholen. Dazu muss das Kultusministerium natürlich seine Hausaufgaben machen – was zuletzt nicht ganz optimal lief, denn die Zeit des Shutdowns hätte man zum Beispiel nutzen können, um ganz konkret zu überlegen, wie es danach überhaupt weitergeht. Stattdessen bleibt nun vieles an den Schulen hängen.
Meinen Sie, Corona wird das Schulwesen in Deutschland grundlegend verändern?
Es würde mich auf jeden Fall freuen, wenn aus den Samen, die durch die besondere Situation in der Schule gesät wurden, wirklich Pflänzchen und irgendwann Bäume werden.

Rubriklistenbild: © Kristina Marth

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