Lullusfest und anderer Oktober

„Wir haben unser Bestes gegeben“: Montagsinterview mit dem Fachbereich Stadtmarketing in Bad Hersfeld

Ein Riesenrad dreht sich, aber Lolls fällt aus: Helge Assi, Lena Lochhaas und Matthias Glotz (von links) vom Fachbereich Stadtmarketing beantworteten unsere Fragen zum etwas anderen Lollsmontag in Bad Hersfeld.
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Ein Riesenrad dreht sich, aber Lolls fällt aus: Helge Assi, Lena Lochhaas und Matthias Glotz (von links) vom Fachbereich Stadtmarketing beantworteten unsere Fragen zum etwas anderen Lollsmontag in Bad Hersfeld.

Das Feuer brennt, aber das Lullusfest fällt dieses Jahr zum zweiten Mal pandemiebedingt aus. Zahlreiche Lolls-Fans werden am Montag sicher trotzdem in die Stadt kommen.

Bad Hersfeld - Wir haben aus diesem Anlass mit Matthias Glotz, Helge Assi und Lena Lochhaas vom Fachbereich Stadtmarketing der Stadt Bad Hersfeld über das Fierche, mögliche Alternativen und die Pläne für 2022 gesprochen.

Dass das traditionsreiche Lullusfest nun schon zum zweiten Mal ausfällt, hat bei Bürgern wie Schaustellern Kritik und Frust ausgelöst. Was sprach konkret gegen eine Light-Version?

Glotz: Das Lullusfest ist abgesagt worden, weil es bis weit in den August hinein keine Planungssicherheit gab und wir uns alle vier Wochen mit einer neuen Verordnung konfrontiert sahen. Auch jetzt steht just ab 14. Oktober in Hessen wieder eine neue Verordnung bevor, die noch keiner von uns kennt. Beim Lullusfest ist zudem die ganze Stadt Veranstaltungsfläche. Die kann und will niemand einzäunen. Das ist das größte Problem neben der Kontakterfassung, die zwischenzeitlich ja auch noch galt. Selbst wenn wir den Marktplatz eingezäunt hätten, hätten wir den Festzug und den Krammarkt nicht machen können. Alle Konzepte sind intensiv diskutiert worden. Sie waren aber eben nicht nur in Bad Hersfeld nicht gangbar, sie waren auch in anderen Städten nicht gangbar.
Assi: Natürlich haben wir auch kleine Alternativen geprüft, zum Beispiel auf dem Parkplatz am Aquafit oder am Obersberg. Der alte Festplatz am Schwimmbad kann aufgrund der dort verlaufenden Hochspannungsleitung allerdings nur bis vier Meter Höhe bebaut werden und am Obersberg-Parkplatz ist das Gefälle speziell für Fahrgeschäfte zu stark. Eine Kirmes dort wäre aber eben auch kein Lullusfest gewesen.
Glotz: Was man ebenfalls nicht vergessen darf, ist die besondere Besuchermenge und -verdichtung. Rund 500 000 Besucher an acht Tagen sind eine besondere Größenordnung und nicht mit dem Weinfest oder der Kirmes in Bebra zu vergleichen. Assi: Die Zahl an Besuchern, die bei einem Herbst- oder Sommerspaß in Kassel pro Tag erwartet wurde, kommt bei uns sonst in einer Stunde zusammen.

Auf Facebook und in Leserbriefen wurden Sie teils recht persönlich angegangen. Wie gehen Sie mit solchen Anfeindungen um?

Assi: Man muss versuchen, darüber zu stehen und es sich nicht anzunehmen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Man hat sich ja nichts zuschulden kommen lassen. Wir handeln so, wie die Verordnungen es uns vorgeben. Wir haben bis zum Schluss unser Bestes gegeben, dass eine Veranstaltung hätte stattfinden können. Auch die Kommunalpolitiker haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Gleichzeitig konnten wir die Schausteller nicht ewig hinhalten, die ebenfalls planen müssen.

Sie haben sich also nicht heimlich über weniger Arbeit gefreut und die Füße hochgelegt?

Glotz und Assi (wie im Chor): Nein! Glotz: Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben deutlich mehr Arbeit. Bis hin zum Parkausweis für Anwohner und Aussteller war für ein normales Lullusfest alles soweit fertig. Wir wollten die Tür solange wie möglich offen halten und haben unser Volksfest deutlich später abgesagt als andere Veranstalter. Wir hätten auch lieber ein echtes Lullusfest gehabt. Assi: Auch in der Vorplanung hatten wir mehr Arbeit als sonst, denn wir haben ja nicht nur ein Lullusfest geplant, sondern versucht, fünf bis sechs verschiedene Varianten zu planen.

Das Lullusfeuer heißt nun offiziell Fierche, ist kleiner und brennt nur drei Tage. Warum?

Glotz: Auch darüber wurde im Magistrat der Stadt intensiv diskutiert und beraten. Klar war, dass große Menschenmengen gepaart mit dem Konsum von Alkohol vermieden werden sollen. Gleichzeitig wollten wir etwas für die Innenstadtbelebung tun und sowohl Familien als auch Schaustellern etwas anbieten. Das war auch mit Blick auf die fehlende Planungssicherheit aber ein bisschen wie die Quadratur des Kreises.
Assi: Unser Lullusfeuer ist ein Brauchtumsfeuer, das an eine Brauchtumsveranstaltung gekoppelt ist. Da diese ausfällt, dürfen wir das Lullusfeuer nicht entzünden. Ein Grünabfallfeuer ist in der Innenstadt ohnehin nicht möglich. Der „Andere Oktober“ als Ersatz ist keine Veranstaltung, dabei handelt es sich vielmehr um eine Sondernutzung mit erweiterter öffentlicher Fläche. Das Fierche ist nun eine eigene kleine Veranstaltung, für die wiederum besondere Kriterien gelten. Deshalb darf das Feuer etwa nicht größer als 1,50 Meter im Durchmesser sein. Der Begriff ist nicht geschützt, aber jedem Hersfelder bekannt. Fierche heißt Feuer auf Hersfelder Platt.
Lochhaas: Darüber hinaus brennt das Feuer natürlich auch dieses Jahr zu Ehren unseres Stadtgründers Lullus.
Glotz: Letztes Jahr war ein richtiges Feuer als Treffpunkt gar nicht möglich. Da sind wir nun immerhin schon etwas weiter.

Viele Lollsfans werden heute trotzdem ins Städtchen kommen. Was lässt die Stadt geschehen und wo ist Schluss mit lustig?

Glotz: Nur das Fierche ist abgesperrt und der Zugang wird kontrolliert. Die Betonsperren am Markt- und Linggplatz dienen allein der Sicherheit und der Verkehrslenkung. Ansonsten bewegen sich die Menschen im öffentlichen Raum, wobei wir die Fläche der Fußgängerzone in Absprache mit dem Gesundheitsamt und der Polizei bewusst erweitert haben. Vom Bürgermeister gab es die klare Bitte an die Bürger, Vernunft walten zu lassen und große Menschenmengen und unkontrollierten Alkoholkonsum zu vermeiden.
Assi: Jeder kann, darf und soll sich frei bewegen. Wir haben lediglich einen Sicherheitsdienst, der aufpasst, dass die Geschäfte gesichert sind.

Und welche Regeln gelten für die Gastronomen?

Glotz: Nach den Lockdowns wollen wir die Wirtschaft vor Ort natürlich unterstützen. Für die Gastronomie gilt die klare Regel, dass die Außenbestuhlung noch den ganzen Oktober über stehen bleiben kann. Untersagt ist indes der Alkoholverkauf nach draußen, speziell am Lollsmontag soll es keinen Fensterverkauf geben.

Herr Assi, Sie sind Hersfelder und seit Jahren an der Organisation beteiligt. Wie sehr blutet speziell Ihr Lolls-Herz nun?

Assi: Sehr. Das Lullusfest ist das Lullusfest und dafür gibt es keinen Ersatz. Ich persönlich hätte das Fest gern gehabt. Schon als Kind haben die Eltern einen mitgenommen, ob man wollte oder nicht (lacht). Verpasst habe ich vor den coronabedingten Absagen nur ein Lullusfest. 1996 lag ich im Klinikum, ganz ohne Lolls ging es dort aber auch nicht.
Glotz: Es geht uns wie vielen anderen Veranstaltern, das haben wir in zahlreichen Gesprächen festgestellt. Die Stimmung ist gedrückt.

Wie verbringen Sie nun den heutigen Montag?

Assi: Ich werde hier sein und ein Auge auf das Fierche und das Geschehen haben. Ich bin Ansprechpartner für den Sicherheitsdienst und die Schausteller. Mein Büro habe ich zeitweise schon vor einigen Tagen von der Breitenstraße an den Marktplatz verlegt. Es ist mehr oder weniger ein ganz normaler Arbeitstag.

Sie, Herr Glotz, haben pandemiebedingt noch gar kein Lullusfest miterlebt. Können Hergelofene die Verbundenheit mit und das Besondere an dem Volksfest überhaupt verstehen?

Glotz: Klar kann man das. Ich komme selbst aus einem Ort, der zwar heute zu Essen gehört, aber 1300 Jahre alt ist und ebenfalls eine Abtei hat. Auch dort wird die Tradition hochgehalten, und wenn der Wurstmarkt in Bad Dürkheim abgesagt werden muss, ist das für die mit der Veranstaltung Verbundenen genauso traurig wie bei vielen anderen Festen, die 2020 und 2021 ausgefallen sind.

Was wünschen Sie sich für Oktober 2022?

Glotz (lacht): Normal, normal, normal! Assi: Ein echtes Lullusfest! Glotz: Dass wir wieder das haben, was jeder kennt und liebt.

Nach Lolls ist in der Regel auch vor Lolls. Wie planen Sie denn fürs nächste Jahr?

Assi: Richtig, mit dem Ende des Lullusfests beginnt in der Regel die Planung fürs nächste Jahr. Wir planen derzeit ganz normal, also für ein Fest nach Pandemie-Ende. Das wird mit hoffentlich weiter steigender Impfquote dann der Fall sein, zumal die Normalität ja irgendwann wieder einkehren muss. Und ansonsten haben wir vorhandene Alternativen in der Hinterhand.

Warum sollten die Menschen nun trotzdem nach Bad Hersfeld kommen?

Lochhaas: Wir haben in der Stadt bis zum 24. Oktober nicht nur das Riesenrad, Kinderkarussells und die Stände. Wir bieten auch ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm, denn die Kultur kam nun 1,5 Jahre ebenfalls zu kurz. Den Auftakt hat am Wochenende der Mittelaltermarkt gemacht, am 15./16. Oktober folgt die Theaterperformance „Schattenwald“ auf dem Katharinenweg mit dem hier bereits bekannten Theater Anu. Nicht zu vergessen die Stadtführung zum 1235. Todestag von Lullus am 16. Oktober und der verkaufsoffene Sonntag am 17. Oktober mit Tanz und Akrobatik. (Nadine Meier-Maaz)

Zu den Personen

Matthias Glotz (57) wurde in Essen geboren. Nach der Bundeswehrzeit hat er Politik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Danach arbeitete er unter anderem bei Mercedes Benz, in Wirtschaftsfachverlagen, beim Bochum Marketing und dem Aachen Touristservice. Seit 1. Juli 2020 ist er Leiter des Fachbereichs Stadtmarketing. Im Sommer 2022 verlässt er die Stadt Bad Hersfeld auf eigenen Wunsch allerdings wieder. Seine Freizeit verbringt er gern auf Reisen oder in der Natur.

Helge Assi (50) kommt aus Bad Hersfeld und ist gelernter Bautechniker. Seit 13 Jahren arbeitet er bei der Stadt, seit 2013 ist er Technischer Leiter des Lullusfests. Assi ist außerdem auch Personalratsvorsitzender. Er geht gerne spazieren und interessiert sich für Fußball und Handball. Für die MT Melsungen hat der 50-Jährige eine Dauerkarte.

Lena Lochhaas (27) kommt aus Ludwigsau und hat zunächst Veranstaltungskauffrau gelernt. Neben dem Job hat sie zudem einen Abschluss als Veranstaltungsfachwirtin absolviert. Seit 2018 ist sie beim Fachbereich Stadtmarketing beschäftigt und dort für den Bereich Veranstaltungen und Stadthalle zuständig. Nach der Arbeit ist sie an der Nähmaschine kreativ.

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