Veranstaltung im Buchcafé

Widerstand als Strategie zum Überleben

Ein berührendes Beispiel für Widerständigkeit und Standhaftigkeit auch unter Lebensgefahr bot die Lesung über die polnische Widerstandskämpferin Karolina Lanckoronska. Beteiligt waren (von links) Herbert Janßen, Thomas Bös, Claus Heymann, Dieter Schenk, Hartmut Käberich, Anastasia Boksgorn, Andrea Cleven und Holk Freytag. Foto: Ute Janßen

Bad Hersfeld. Lesung und Theater über die polnische Widerstandskämpferin Lanckoronska zum Menschenrechtstag im Buchcafé.

„Das Leben ist doch etwas Wunderbares!“ – mit diesem Gedanken reagierte die polnische Kunsthistorikerin Karolina Lanckoronska auf die Aussetzung des gegen sie ausgesprochenen Todesurteils. Mit der Lesung „Die himbeerroten Stühle“, die der Publizist Dieter Schenk anlässlich des 70. Jahrestages der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte initiiert hatte, wurde das „Jahrhundertleben“ Lanckoronskas (sie überlebte die deutsche Besetzung Polens, das Gefängnis und das Konzentrationslager Ravensbrück und starb 2002 im Alter von 104 Jahren) im Bad Hersfelder Buchcafé gewürdigt.

Anspruchsvoll

Die Schauspielerin Andrea Cleven hatte die anspruchsvolle Aufgabe übernommen, Karolina Lanckoronska zu verkörpern. Lanckoronska wurde als Tochter der preußischen Gräfin Margarethe von Lichnowsky in Österreich in eine alte polnische Adelsfamilie hineingeboren. Sie wuchs umgeben von Kunst und Kultur auf. Nach dem Überfall auf Polen floh sie aus Lemberg ins Generalgouvernement. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz und in der Armija Krajova (der polnischen Untergrundbewegung) in der Fürsorge für polnische Gefangene.

Auf Geheiß des Gestapo-Chefs der Stadt Stanislau, Hans Krüger, der an der Ermordung von 23 ihrer Professorenkollegen in Lemberg beteiligt war und der sich Lanckoronska gegenüber damit brüstete, wurde sie verhaftet und zunächst zum Tode verurteilt. Durch eine Intervention der entfernt verwandten italienischen Königsfamilie wurde sie nicht hingerichtet, sondern „nur“ inhaftiert.

Schlechte Bedingungen

Aber auch extrem schlechte Haftbedingungen und die Deportation in das Konzentrationslager Ravensbrück konnten ihren Überlebenswillen und ihre Standhaftigkeit nicht brechen. Die titelgebenden „himbeerroten Stühle“ beziehen sich auf die Sitzmöbel im Büro des Gestapo-Chefs, die symbolisch für dessen Versuch stehen, Macht über Lanckoronska auszuüben.

Cleven interpretierte die Texte, die Dieter Schenk mithilfe der Autobiographie der polnischen Gräfin und der überlieferten Verhör- und Gerichtsakten zusammengestellt hatte, mit viel Sensibilität und ausgesprochen differenziert. Auch die verschiedenen Ebenen – sie hatte sowohl innere Monologe zu sprechen als auch direkte Rede – wurden von ihr sorgfältig unterschieden.

Viel Tiefenschärfe

Diese Differenziertheit war wohl maßgeblich auch der Regie Holk Freytags zu verdanken, der selbst einen kleinen kommentierenden Leseanteil übernommen hatte. Die Parts der deutschen Gegenspieler Lanckoronskas wurden durch Herbert Janßen (Gestapo-Chef Hans Krüger), Claus Heymann (SS-Untersturmführer Walter Kutschmann), Hartmut Käberich (Staatsanwalt Rotter) und Thomas Bös (SS-Richter Hertl) ebenfalls mit viel Tiefenschärfe interpretiert.

Für Atempausen und emotionale Akzente sorgte die Violinistin Anastasia Boksgorn mit Werken von Carl Bohm, Sergej Prokofiev, Dmitrij Schostakowitsch und Henryk Wienawski.

Die eindringliche Lesung machte noch einmal schmerzhaft deutlich, vor welchem Hintergrund die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 verabschiedet wurde und wie notwendig der Hinweis auf die universelle Bedeutung dieser Rechte angesichts der gegenwärtigen Weltlage bis heute immer noch ist.

Von Ute Janßen

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