Eigentümer will nicht verkaufen

Hallentausch gescheitert: Wever-Projekt in Bad Hersfeld vor dem Aus

Begehrte Halle: Gleich hinter dem Pförtnerhäuschen (vorn links) der Firma Filament Factory am Europa-Kreisel liegt die große Halle, die als Ausweichquartier für die Hersfelder Kleiderwerke vorgesehen war.
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Begehrte Halle: Gleich hinter dem Pförtnerhäuschen (vorn links) der Firma Filament Factory am Europa-Kreisel liegt die große Halle, die als Ausweichquartier für die Hersfelder Kleiderwerke vorgesehen war.

Das wohl wichtigste Stadtentwicklungsprojekt rund um die Weverhalle in Bad Hersfeld steht vor dem Scheitern.

Bad Hersfeld – Der als „Schlüsselbaustein“ für das Projekt geltende Hallentausch der Bad Hersfelder Kleiderwerke, die in eine Immobilie auf dem früheren Hoechst-Gelände umziehen sollten, ist weggebrochen. Der Eigentümer der Halle, die Firma Curator Real Estate Management mit Hauptsitz in Frankfurt, will die Halle für die neue Schutzmasken-Produktion der Filament-Factory nutzen.

Das bestätigte Vorstandsmitglied René Türk auf Anfrage der HZ. „Wir verkaufen nicht an einen anderen Interessenten, sondern wir nutzen die Halle selbst“, sagte Türk. Das Maskenprojekt laufe gut an und nehme an Fahrt auf. „Für uns ist damit das letzte Wort gesprochen“, sagte Türk. Er betonte, dass Curator zwei Jahre verhandelt habe und wegen der leer stehenden Halle bis zu 400.000 Euro Verlust gemacht habe. „Wir haben an das Projekt geglaubt und hätten Klimmzüge gemacht, um es zu realisieren“, betonte Türk.

Damit fehlt nun ein Ausweichstandort für die Bad Hersfelder Kleiderwerke, auf deren Gelände ein neues Wohngebiet entstehen sollte.

Auch Bürgermeister Thomas Fehling bestätigt das Scheitern der Verhandlungen. „Alle Beteiligten arbeiten mit Hochdruck an einer alternativen Lösung. Welche entscheidende Bedeutung ein neuer Hallenstandort der Bad Hersfelder Kleiderwerke für die geplante Entwicklung des Wever-Geländes besitzt, ist allen Seiten sehr bewusst“, sagte Fehling auf Anfrage der HZ. Es habe sich als Fehler erwiesen auf die „vermeintlichen Profis“ der Hessischen Bauland Offensive zu vertrauen, die die Abwicklung des Projekts übernehmen sollten, dann aber Problem mit dem Vergaberecht bekommen hatten.

„Ich bin sehr unzufrieden und enttäuscht von dem Vorgehensmodell, zu dem wir uns haben verleiten lassen. Es war wohl, im Nachhinein betrachtet, unausgegoren und musste aufgrund der Anfechtung eines Dritten auf Eis gelegt werden.“ Dies habe zu Verzögerungen geführt.

Ein alternativer Standort für die Kleiderwerke bleibe weiter der Schlüsselbaustein. „Sollte dies in nächster Zeit nicht möglich sein, kann die Restrukturierung des Wever-Geländes in der vorgesehenen Form nicht umgesetzt werden“, so Fehling.

Egon Schnetgöke, Chef der Bad Hersfelder Kleiderwerke, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Architektenwettbewerb

Der Architektenwettbewerb für ein neues Stadtquartier rund um das Wever-Gelände zwischen Bahnhof, Landratsamt und Schilde-Park gilt als das wichtigste Hessentagsprojekt. Die Gewinner vom Stadtplanungsbüro „ToBe“ aus Frankfurt wollten dort drei Wohnkomplexe – Tuchlager, Wever- und Pfarrhaushof – bauen. Erste Pläne sahen bezahlbare, kleinteilige Wohngebäude mit ruhigen, grünen Innenhöfen mitten in der Stadt und pendlerfreundlich nahe des Bahnhofs vor.

„Reißleine zu spät gezogen“

Die definitive Absage kam am 19. Oktober: Der Immobiliendienstleister Curator teilte mit, dass die strategisch wichtige Halle auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände nicht verkauft wird. „Darüber habe ich am gleichen Abend den Magistrat informiert“, sagt Bürgermeister Thomas Fehling gegenüber der Hersfelder Zeitung.

Das Wever-Stadtentwicklungsprojekt stehe deshalb womöglich vor dem Aus. Das ehrgeizige Projekt habe die Stadt viel Zeit und Energie gekostet. „Dies ist auch genau der Vorwurf, den ich mir selber nicht ersparen kann: Ich habe auf die vermeintlichen Profis vertraut, anstatt viel früher, im Sommer, die Reißleine zu ziehen. Dann hätten wir uns die Halle noch sichern können“, erklärt Fehling selbstkritisch.

Hinter vorgehaltener Hand hatten führende Stadtpolitiker vermutet, dass Fehling selbst die Verhandlungen nicht energisch genug vorangetrieben habe. Diesen Vorwurf will René Türk von der Firma Curator allerdings nicht bestätigen. „Es gab viele Gespräche mit Herrn Fehling“, sagt er, allerdings hätten sich die Vertragsverhandlungen insgesamt viel zu lange hingezogen. Ein für Februar/März angesetzter Notartermin sei von Egon Schnetgöke von den Kleiderwerken abgesagt worden. Dennoch sieht René Türk eine Möglichkeit, das Projekt doch noch zu realisieren. So seien die Hersfelder Kleiderwerke, laut Türk, im Besitz einer etwa 19 000 Quadratmeter großen Fläche auf dem Gelände am Hoechster Kreisel. Dort könnte in relativ kurzer Zeit eine entsprechende Halle gebaut werden. Dabei wolle Curator gern behilflich sein, „damit das Projekt nicht stirbt“, sagt Türk. Auch die Möglichkeit einer Übergangslagerung von Waren sei denkbar.

Egon Schnetgöke von den Bad Hersfelder Kleiderwerken war für eine Stellungnahme trotz mehrfacher Nachfrage bislang nicht erreichbar. Curator selbst verfolgt mit der Halle auf dem Werksgelände der Filament Factory ambitionierte Ziele. So sei beispielsweise denkbar, die dort noch vorhandene Gleisanlage zu reaktivieren. „Wir sehen das als Entwicklungsmöglichkeit“, so Türk. Nicht nur die Filament Factory könnte per Bahn das für die Produktion notwendige Granulat beziehen, auch andere Firmen seien an einem umweltfreundlichen Bahnanschluss interessiert.

Auch Bürgermeister Fehling kennt das Projekt, äußert sich jedoch noch nicht näher: „Ich beabsichtige, zusammen mit dem Projektentwickler, zunächst die Mandatsträger zu informieren“, erklärte er.

Von Kai A. Struthoff

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