Interview mit Vertreter der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Werner Schnitzlein: „Antisemitismus gab es immer“

Mit einem Chanukkaleuchter in der Hand: Werner Schnitzlein. Foto: B. Miehe

Bad Hersfeld. In vielen deutschen Städten ist am Mittwoch gegen den wieder aufkeimenden Antisemitismus demonstriert worden. Auslöser war der Angriff auf einen 21-jährigen Israeli in Berlin. Über Antisemitismus und die Lage in unsere Region sprach Kai A. Struthoff mit Werner Schnitzlein.

Er ist der Vorsitzende und Geschäftsführer der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Herr Schnitzlein, bei uns gab es gestern keine Demonstrationen gegen Antisemitismus. Sind derartige Übergriffe ein Problem der Großstädte?

Werner Schnitzlein: Bei uns gibt es keine jüdische Gemeinde im Kreis, die nächsten sind in Fulda, Kassel und Felsberg. Mir sind allerdings auch keine akuten antisemitischen Vorkommnisse aus unserem Kreisgebiet bekannt. Ich glaube, dass bei uns jüdische Mitbürger oder Besucher, die die Kippa tragen, auch keine Angst haben müssten – anders als in manchen Großstädten.

Trotzdem wird der Antisemitismus offenbar wieder hoffähig, und auf manchen Schulhöfen gilt das Wort Jude als Schimpfwort. Was glauben Sie, woran das liegt?

Schnitzlein: Es gab immer schon einen relativ großen Prozentsatz latenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Im Moment wird das zum Beispiel durch die aktuellen Vorkommnisse in Gaza noch befördert.

Muss man da nicht unterscheiden, zwischen Kritik an der Politik Israels und Antisemitismus? Oder darf man als Deutscher gar keine Kritik an Israel üben?

Schnitzlein: Natürlich muss Kritik erlaubt sein. In Israel selbst gibt es ja auch sehr viele unterschiedliche Strömungen, von denen einige selbst Anstoß an der Politik ihrer Regierung nehmen. Aber Israel hat dennoch aus der Geschichte unserer Länder heraus immer eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland.

Was kann jeder Einzelne bei uns, was können Sie mit Ihrer Gesellschaft für christlich-jüdische Beziehungen tun, um Vorurteile und Antisemitismus zu bekämpfen?

Schnitzlein:Wir versuchen, das Thema ins Gespräch zu bringen, aufzuklären und vor allem auch positive Seiten der deutsch-jüdischen Beziehungen aufzuzeigen. Ein Schwerpunkt unserer Gesellschaft sind die monatlichen thematischen Veranstaltungen, die sich mit dem Judentum allgemein oder aktuell beschäftigen. Außerdem versuchen wir, die Ereignisse des Dritten Reichs hier in unserer Region aufzuarbeiten – zum Beispiel durch die Aktion „Stolpersteine“ oder durch die Kontakte zu früheren jüdischen Bürgern aus unserer Region und deren Nachkommen.

Dabei arbeiten Sie auch nicht allein?

Schnitzlein: Nein, wir kooperieren beispielsweise mit der Arbeitsgruppe „Zeitsprünge“ und mit der Initiative „Bunt statt Braun“. Dabei geht es zum Beispiel auch um das von Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg initiierte Ausstellungsprojekt „Sie waren unsere Nachbarn“, das im November, 80 Jahre nach der ‘Reichspogromnacht’ der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Manch einer sagt, das alles ist lange her, was geht es uns noch an. Die aktuellen Vorkommnisse zeigen, dass das die Vergangenheit noch sehr lebendig ist, oder?

Schnitzlein: Wir halten unsere Arbeit für sehr wichtig, auch wenn wir wissen, dass sich in unserer Region keine aktiven Juden in der Öffentlichkeit zeigen. Dabei gibt es auch hier eine ganze Reihe von Juden, aber sie sieht man nicht so in der Öffentlichkeit, denn sie leben ihren Glauben in anderen Regionen, wo es jüdische Gemeinden gibt. (kai)

Zur Person:

Werner Schnitzlein (79) ist gebürtiger Dortmunder und kam 1966 durch die Schilde-AG nach Bad Hersfeld. Dort baute er die Datenverarbeitung mit auf. Danach machte er sein „Hobby zum Beruf“ und wechselte 1980 hauptamtlich zur Evangelischen Kirche. Schnitzlein ist einer von drei ehrenamtlichen Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und lebt in Friedlos. (kai)

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