Was sich der Festivalleiter für die Spielzeit 2021 wünscht

Festspiel-Intendant Joern Hinkel im Interview: „Theater, das uns träumen lässt“

Das Bild zeigt die Bad Hersfelder Stiftsruine und das Stück „Shakespeare in Love“, das 2018 gespielt wurde.
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Großes Theater: Das soll auch im kommenden Jahr, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen, in der Bad Hersfelder Stiftsruine gezeigt werden. Das Foto zeigt das Stück „Shakespeare in Love“ von 2018.

„Der Club der Toten Dichter“, das Musical „Goethe“ und das Familienstück „Momo“ stehen auf dem Spielplan der Bad Hersfelder Festspiele 2021.

Bad Hersfeld - Über das Theatermachen in Zeiten von Corona sprach Kai A. Struthoff mit Intendant Joern Hinkel.

Herr Hinkel, Sie haben die 70. Bad Hersfelder Festspiele unter das Motto „Ich habe einen Traum“ gestellt. Welchen Traum haben Sie?

Ich habe den Traum, dass wir die 70. Bad Hersfelder Festspiele wieder so feiern können, wie wir es eigentlich gewohnt sind. Aber wir können eben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, es wird bestimmt noch Einschränkungen geben. Wir haben in den vergangenen Monaten viele Erfahrungen gesammelt. Es ist wichtig, mit dem Virus umzugehen und trotzdem unseren Alltag zu leben. Deshalb träume ich von einer Stadt voller Menschen und einem strahlend schönen Sommer mit mitreißenden Stücken in der Ruine.

Wird es denn auch ein besonderes Rahmenprogramm zum 70. Geburtstag der Festspiele geben?

Auf jeden Fall erinnern wir an die 70 Jahre, aber wohl in etwas bescheidenerem Rahmen, als wir es in diesem Jahr geplant hatten. Wir können im nächsten Jahr wohl kaum ein Volksfest mit vielen Menschen in und rund um die Ruine veranstalten. Wir stecken noch mitten in den Planungen und werden auf die aktuelle Situation reagieren. Das gilt übrigens für alle Veranstaltungen, aber wir haben in diesem Sommer festgestellt, dass die Zuschauer damit sehr, sehr gut und diszipliniert umgehen.

Im kommenden Jahr werden drei moderne, zeitgenössische Stücke gespielt, von denen zwei zuerst als Film bekannt wurden. Haben die guten alten Klassiker ausgedient?

Es wird auf jeden Fall auch wieder Klassiker bei den Festspielen geben. Die Stückauswahl hat sich diesmal so ergeben, weil wir schon lange an den beiden Uraufführungen „Der Club der toten Dichter“ und „Goethe“ gearbeitet haben. Auch über „Momo“ verhandele ich seit drei Jahren, und dieses Buch ist ja eigentlich auch schon längst ein Klassiker. Als wir bekannt gegeben haben, dass wir als erste Bühne außerhalb der Vereinigten Staaten die Rechte am „Club der toten Dichter“ haben, haben sich über ein Dutzend Theaterleiter bei mir gemeldet, wie uns das gelungen sei.

Mit Tom Schulman, der vor 30 Jahren für sein Drehbuch den Oscar gewann, bin ich im regen Austausch über die Fassung, die wir extra für die große Bühne in der Stiftsruine konzipieren.

Ist es einfacher, auch ein theaterferneres Publikum anzulocken, wenn es den Stoff schon aus dem TV und Kino kennt?

Das würde ich so nicht grundsätzlich sagen. „Romeo und Julia“ oder „Faust“ sind bei den Zuschauern ebenso präsent. Aber natürlich fällt es den Menschen leichter, angesichts des ungeheuren Angebots eine Orientierung zu haben. Viele wählen erst mal das, womit sie etwas verbinden können. Denken wir nur an das Musical „Titanic“, das zwar keiner kannte, aber mit dessen Titel jeder etwas anfangen konnte. Allerdings haben wir unserem Publikum im diesjährigen „Anderen Sommer“ auch eher abwegige, unbekannte Stoffe angeboten, auf die sich die Zuschauer eingelassen haben. Aber ob man damit die große Tribüne hätte füllen können, wage ich doch zu bezweifeln. Wir hatten die Gelegenheit, ein Programm zu gestalten, was eben nur unter diesen besonderen Umständen möglich war.

Die Spielzeit ist auf rund sechs Wochen verkürzt, an einigen Tagen wird gar nicht gespielt ...

Es wird fast an jedem Tag gespielt. Jetzt sind tatsächlich noch ein paar Lücken im Spielplan, die aber durch Konzerte und ein Gastspiel gefüllt werden. Das wird im Frühjahr bekannt gegeben. Außerdem haben wir auch diverse Zusatztermine an den Nachmittagen vorgesehen.

Wie viele Zuschauer passen maximal in die Ruine?

Wenn alle Plätze besetzt werden, dann sind es jetzt 1250, weil wir die Abstände zwischen den einzelnen Reihen vergrößert haben und deshalb einen anderen Tribünenaufbau haben. In den Vorverkauf gehen wir zunächst mit der Hälfte der Karten, die nach einer Art Schachbrettmuster angeordnet sind – eine Methode, die sich auch in Salzburg und anderen Theatern bewährt hat. Je nachdem, wie sich die Lage entwickelt, werden wir die anderen Karten dann auch verkaufen – oder die Plätze schlimmstenfalls leer lassen müssen.

Wenn der schlimmste Fall eintritt, ist dann die Finanzierung noch gesichert?

Alle Beteiligten wissen, dass wegen der Unwägbarkeiten die Einnahmen möglicherweise geringer ausfallen als prognostiziert. Dieser Verantwortung ist sich die Stadtpolitik auch ausdrücklich bewusst. Aber ich bin allen sehr, sehr dankbar, dass sie dieses Risiko auf sich genommen haben.

Arbeiten Sie jetzt also etwas sorgenfreier?

Natürlich mache ich mir Gedanken, ob alles so funktionieren wird, wie wir es geplant haben. Aber das Wichtigste ist, dass wir jetzt handeln können. Bislang konnten wir ja niemandem ein Angebot machen. Einige der vorgesehenen Schauspieler haben leider abgesagt, weil sie inzwischen andere Engagements angenommen haben.

Dadurch, dass die Stücke in enger zeitlicher Abfolge gespielt werden, gibt es vermutlich viele Doppelbesetzungen?

Nein, genau das wollen wir vermeiden. Wir werden versuchen, alle drei großen Produktionen voneinander zu trennen – bis hin zur Maske und den Ankleidern. So sollen zur Sicherheit die Kontakte weitmöglichst reduziert werden, falls doch jemand in Quarantäne muss. Wir arbeiten an einem sehr strengen Sicherheitskonzept bis hin zu Sperrterminen für andere Rollen und die Heimfahrten.

Können Sie schon Namen von Schauspielern nennen?

(lacht) Könnte ich, mache ich aber nicht. Wir sind aber auch noch dabei, die Rollen zu besetzen. Ein knappes Drittel der vorgesehenen Darsteller hat wegen anderer Engagements abgesagt, die sie teilweise schon vor mehr als einem Jahr eingegangen sind. Alle Theater und alle Dreharbeiten sind derzeit ständigen Änderungen unterworfen, viele Produktionen wurden auch verschoben, sodass die Termine noch dichter werden. Das macht die Planung sehr schwer.

Sollte 2021 nicht eigentlich „Luther – Der Anschlag“ wiederaufgenommen werden, passend zum Aufenthalt des Reformators vor 500 Jahren in Hersfeld?

Das war der Plan, aber wir wollten die zwei geplanten Uraufführungen nicht noch einmal verschieben, sodass wir das Luther-Stück vorerst nicht auch noch auf den Spielplan setzen konnten. Aber es ist nach wie vor geplant, dass das Stück in der Zukunft wieder aufgenommen wird.

Gibt es denn auch eine Komödie wie im Eichhof?

Ja, aber nicht im Eichhof, weil wir dort mit Sicherheitsabstand Platz für nur maximal 35 Zuschauer hätten, das rechnet sich nicht. Wir haben eine ganz ungewöhnliche andere Spielstätte, die gut zu dem Stück passt. Aber auch das verraten wir erst im Frühjahr ...

Gibt es auch einen Plan B, falls doch noch eine dritte oder vierte Corona-Welle über uns hereinbricht?

Dann müsste man ja eigentlich von Plan C sprechen, denn jetzt ist das schon der Plan B. Ich habe im Sommer erfahren, wie viel Fantasie und Improvisationsgeschick alle Mitwirkenden in der Lage sind aufzubringen. Auf jeden Fall werden wir den Zuschauern etwas bieten – was auch immer das sein wird. Die Stückauswahl beweist jedenfalls, dass wir Theater zeigen wollen, das den Festspielbesuchern Mut macht. Die Menschen sehnen sich jetzt nach positiven Geschichten, die sie wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen. Die sie wieder träumen lassen. Ich hoffe, dass uns genau das mit unseren drei Stücken gelingt.

Zur Person: Joern Hinkel

Joern Hinkel (50) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Hinkel ist Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit dem Jahr 2000 arbeitete Joern Hinkel mit Regisseur Dieter Wedel zusammen, und wurde nach dessen Rücktritt 2018 Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Berlin und Bad Hersfeld und hat seine Hobbies – Theater, Literatur und Musik – zum Beruf gemacht. (kai)

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