„Der Turm ist nicht zu retten“

Vor 125 Jahren brach die Ecke des Campanile im Bad Hersfelder Stift zusammen

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Der Katharinenturm heute: Die „Wunde“ in der Südost-Ecke des Turms wurde fachmännisch zugemauert, was bis heute noch deutlich zu erkennen ist.

Vor 125 Jahren brach die Südost-Ecke des Katharinenturmes im Bad Hersfelder Stiftsbezirks zusammen.

„Das älteste Bauwerk Hersfelds, der kleine Glockenturm im Stift, ist im Begriff, abzuscheiden. Nicht plötzlich und mit Donnergepolter, sondern langsam und allmälig, wie ein von der Last der Jahre gebeugter, müder Greis, sinkt er zu Boden. Der Turm ist nicht mehr zu retten.“ So stand es am Donnerstag, 28. März 1895, im „Intelligenz- und Anzeigenblatt Hersfelder Zeitung“ zu lesen.

Anlass zu dieser eher morbiden Aussage unserer Zeitung war damals das zwei Tage zuvor geschehene Unglück: Die Südost-Ecke des Katharinenturmes war zusammengebrochen. Vermutlich hatte Altersschwäche die Bruchstein-Ecke kollabieren lassen. Den bestürzten Hersfelder Bürgern bot sich ein erschrecklicher Anblick: Vom Dachansatz bis hinunter auf etwa zwei Meter Höhe erstreckte sich über fast 25 Meter ein großes Loch. Deutlich war das Innere des Turmes zu sehen, die Etagen lagen den Blicken frei und auch die drei Glocken konnten angeschaut werden. Am Fuße des Turmes türmten sich die Sandsteine, die kurz zuvor noch die Ecke gebildet hatten. Welch ein erschütterndes Bild.

Gut 800 Jahre hatte der seit dem 14. Jahrhundert nach der Hl. Katharina benannte Turm unbeschadet überstanden, hatte allen Widrigkeiten der Zeiten und der Geschehnisse getrotzt – und nun das. Glück im Unglück hatten dabei offenbar der seinerzeitige Baurat Momm und Zimmermeister Wölbing, die den Turm just an dem Tage inspizierten, als dieser, kaum dass die Beiden ihn verlassen hatten, unverhofft einstürzte. Glück im Unglück hatten aber auch die drei Glocken im nachträglich im 16. Jahrhundert aufgesetzten oberen Geschoss: Die Lullusglocke, die Bonifatiusglocke und die kleine Klimperglocke. Alle drei blieben unbeschädigt und zunächst auch an ihren Plätzen hängen.

Was nun, geisterte als Frage durch die Stadt. Am Sonnabend, 30. März 1895, ergänzte die HZ in einem neuerlichen Bericht zum Turm-Einsturz: „Über das Schicksal desselben verlautet noch nichts bestimmtes; zu wünschen wäre es allerdings, dass er erhalten bliebe. Die Mitteilungen verschiedener auswärtiger Zeitungen, dass der Turm mit Dynamit gesprengt werden solle, dürften sich wohl nicht bewahrheiten.“

Der lädierte Katharinenturm 1895.

Gottseidank: Der Turm wurde 1895-96 wiederhergestellt. Und der Bau erhielt ein eisernes „Korsett“ in Gestalt von umlaufenden Eisenbändern und den Turm durchziehende eiserne Spann-Streben, die bis heute ihre Arbeit tun. All dies dokumentiert ein eingemauerter Stein mit der Inschrift: „Diese Ecke stürzte am 26. 3. 1895 ein und wurde 1895 - 96 wieder aufgebaut.“ Nur den Umzug der Bonifatius- und der Klimperglocke in den Kirchturm erwähnt der Stein nicht.

Und so können wir heute, 125 Jahre nach dem Einsturz, den Katharinenturm weiter bewundern und besuchen. Von außen frisch renoviert wartet das Innere auf seine Wiederherrichtung, die in diesem Jahr erfolgen soll. Vielleicht sind dann auch noch einige der Inschriften der Gefangenen zu retten, die hier im 19. Jahrhundert eingekerkert waren.

In jedem Falle aber soll der Zugang zur Lullusglocke, der ältesten datierten Glocke Deutschlands, möglich bleiben, auch wenn Friedrich von Schiller in seiner Glocke, vielleicht sogar mit Blick auf die Unsere schrieb: „Und wie der Klang im Ohr vergehet, Der mächtig tönend ihr erschallt, So lehre sie, daß nichts bestehet, Daß alles Irdische verhallt.“

Der Autor dieses Textes, Stadtführer Michael Adam, bietet am Samstag, 28. März 2020, drei Führungen rund um den und im Katharinenturm hinauf an: Um 11 Uhr, um 13 Uhr und um 15 Uhr führt er jeweils maximal 20 Personen zu dem rund 900 Jahre alten Campanile. Treffpunkt für alle drei Führungen ist das Stadtrelief auf dem oberen Rathausplatz. Anmeldungen und Ticketkauf erfolgen bei der Touristeninfo am Markt unter der Telefonnummer: 06621/201274. Der Preis beträgt 6,- Euro; Kinder und Kurkarten-Inhaber sind frei, müssen sich aber dennoch anmelden, da der Platz in der Turmspitze bei der Glocke sehr beengt und daher die Teilnehmerzahl beschränkt ist.

Von Michael Adam 

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