„Viel Aufwand, wenig Effekt“

Mehrwertsteuersenkung stößt im Kreis Hersfeld-Rotenburg auf Skepsis

Noch liegt die Mehrwertsteuer bei 19 und 7 Prozent. 
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Noch liegt die Mehrwertsteuer bei 19 und 7 Prozent. 

Führende Vertreter von Handel und Gastronomie im Kreis Hersfeld-Rotenburg warnen die Bürger vor überzogenen Erwartungen an den Effekt der Mehrwertsteuersenkung.

„Händler und Gastronomie brauchen die drei Prozent, um zu überleben, sonst gibt es hier bald keine Geschäfte mehr“, sagt etwa Jörg Markert, der Manager der Bad Hersfelder City-Galerie. Deshalb werden vermutlich viele kleinere Betriebe die Mehrwertsteuersenkung gar nicht an die Kunden weiterreichen können, heißt es aus der Branche.

Das bekräftigt auch der Hotelier Achim Kniese, der Vorsitzender des Bad Hersfelder Stadtmarketingvereins ist. Er beklagt zugleich den hohen Aufwand, den die Mehrwertsteuersenkung mit sich bringt. „Die Umpreisung kostet die Betriebe viel Geld, das Problem wird auf Handel und Gastronomie verlagert“, kritisiert Kniese den hohen bürokratischen Aufwand der Mehrwertsteuersenkung. Er spricht von einem „ordentlichen vierstelligen Betrag“, den die Umstellung allein für sein Unternehmen bedeutet.

Ähnlich äußert sich Stefan Pruschwitz, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft SEB in Bebra, der auch für das Einkaufszentrum „Das be!“ zuständig ist. „Die Senkung der Mehrwertsteuer wird sich für die Kunden nicht sehr stark auswirken“, sagt Pruschwitz, zumal etwa in der Textilbranche zurzeit viel höhere Rabatte eingeräumt werden. Einzig bei großen Anschaffungen seien positive Effekte zu erwarten, sagt Pruschwitz mit Blick auf die vielen in Bebra ansässigen Automobilhändler.

Ähnlich sieht es sein Kollege Torben Schäfer von der Marketing- und Entwicklungsgesellschaft (MER) in Rotenburg, der auch auf den hohen Aufwand der Umpreisung gerade für kleinere Händler verweist. „Der Ansatz ist gut, aber es ist gerade für kleinere Betriebe kaum möglich, den positiven Effekt an den Kunden weiterzugeben.“ Hinzu kommt, dass die Verunsicherung bei den Bürgern immer noch groß sei. „Wir haben den Gästen das Weggehen abgewöhnt“, zitiert Schäfer einen Rotenburger Gastronomen.

Das bestätigt auch Achim Kniese mit Blick auf die Hersfelder Gastronomie. „Trotz des coronabedingten reduzierten Angebotes belegen wir längst nicht alle verfügbaren Plätze im Restaurant.“ Er bezeichnet das Jahr 2020 als eine einzige Katastrophe. Noch gebe es in der Region zwar keine Insolvenzen, „aber warten wir das Ende des Jahres ab“, warnt Kniese.

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise plädiert der Stadtmarketingverein von Bad Hersfeld auch für eine Neuausrichtung der Tourismuswerbung. „Es gibt zu wenig Marketing außerhalb der Festspiele“, sagt der Hotelier Achim Kniese als Vorsitzender des Stadtmarketingvereins. „Wir müssen jetzt viele Dinge neu denken“, fordert er. Gerade der Wander- und Radtourismus in der Region müsse ganzjährig stärker beworben werden.

Zurzeit lebten Handel und Gastronomie vor allem von den Einheimischen, meint auch Jörg Markert, Manager der Bad Hersfelder City-Galerie. „Der Handel funktioniert nach dem Ende des Lockdowns inzwischen bis nachmittags ganz gut, aber uns fehlen die auswärtigen Kunden“, sagt Markert. Zudem würde auch die Maskenpflicht viele Menschen vom Einkauf abhalten. „Beim Anprobieren bekommen manche Leute unter der Maske einfach keine Luft“, berichtet Markert.

Gleichwohl profitierten in der Krise die Händler „von einem stabilen Einzugsgebiet“, stellt auch Stefan Pruschwitz von der Stadtentwicklungsgesellschaft in Bebra fest. Dennoch merke man derzeit überall die Nachfragezurückhaltung. Das betreffe ganz besonders auch die Veranstaltungen, berichtet Pruschwitz. „Unsere Händler kämpfen überall mit Einbußen, aber ich hoffe, sie werden es überstehen“, sagt Pruschwitz. Prognosen seien zur Zeit aber wie Glaskugelleserei.

In Rotenburg merkt unterdessen Marketingchef Torben Schäfer, dass der Rad- und Tagestourismus wieder anziehen. Er hofft deshalb auf den Trend zum Urlaub in der Heimat, zumal die deutschen Küstenregionen bereits ausgebucht sind.

Die Menschen suchten deshalb Alternativen – so auch im Fuldatal. „Der Campingplatz ist bei uns am Wochenende schon wieder rappelvoll“, berichtet er. Auch die Wohnmobilisten seien wieder unterwegs. Trotzdem fürchtet auch Schäfer, dass die Krise noch „lange nachschwingen wird“. Die gegenwärtigen Hilfen seien zwar „gut und schön, aber für viele Betriebe reichen sie einfach nicht aus, um zu überleben.“

Auch Achim Kniese und Jörg Markert loben die Solidarität der heimischen Kundschaft. So habe beispielsweise die Kampagne für den Einkauf vor Ort „Mein Herz schlägt Hef“ gut funktioniert. „Aber das Verständnis für unsere Situation und die Solidarität mit dem örtlichen Handel dürfen jetzt nicht aufhören“, mahnen die beiden Geschäftsleute, zumal das Veranstaltungs- und Tagungsgeschäft, das bislang von der zentralen Lage der Region profitiert hatte, fast völlig zusammengebrochen ist.

Etwas Hoffnung setzen Handel und Gastronomie in Bad Hersfeld auf den geplanten „anderen Sommer“, das kulturelle Alternativprogramm zu den Bad Hersfelder Festspielen. „Alles ist besser als gar nichts“, sagt Kniese und lobt die gelungene Kooperation von Stadt und Stadtmarketing. „Es macht Spaß zu zeigen, was alles geht, wenn alle Beteiligten an einem Tisch zusammenkommen“, lobt Kniese.

Trotz aller Bemühungen, die Corona-Folgen finanziell abzufedern, warnen die Experten aber vor dem dicken Ende, das erst noch bevorsteht. Derzeit hangelten sich viele Betriebe mit den staatlichen Hilfen durch die Krise, beobachten Markert und Kniese. (kai)

Steuersenkung soll Corona-Folgen abfedern

Das Bundeskabinett hat am 12. Juni 2020 erste Maßnahmen des Konjunkturpakets beschlossen, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Dazu zählt insbesondere die befristete Senkung der Umsatzsteuer im zweiten Halbjahr 2020: Die Umsatzsteuer wird vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Der reguläre Steuersatz sinkt dabei von 19 Prozent auf 16 Prozent, der reduzierte Steuersatz von 7 auf 5 Prozent.

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