ZWISCHEN DEN ZEILEN

Verwundert über das große Schweigen

Christine Zacharias
+
Christine Zacharias,

Wenn mehrere Polizeifahrzeuge vor dem Amtsgerichtsgebäude in Bad Hersfeld auffahren, dann weiß man, dass es drinnen nicht um Kleinkriminalität geht.

Bad Hersfeld - Das Ausmaß dessen, was sich da am Dienstag dem Schöffengericht offenbarte, war schon atemberaubend. Obwohl er erst im April zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, arbeitete der 52-jährige wohl zu diesem Zeitpunkt bereits daran, die von ihm verfolgte Frau aus Rotenburg zu entführen. Das berichtete seine damalige Lebensgefährtin. Dementsprechend gut war auch die Verhandlung gesichert. Zwei Wachleute ließen den Angeklagten, der in Handschellen vorgeführt wurde, nicht aus den Augen. Man darf gespannt sein, was in diesem Verfahren noch ans Licht kommt. Sehr gewundert haben wir Zeitungsleute uns allerdings, dass wir bisher von dieser Sache noch gar nichts wussten. Eine von der Polizei klug verhinderte Entführung in Rotenburg, eine Festnahme des sich heftig wehrenden Täters in Kirchheim, der für die Entführung vorbereitete Wohnwagen – das wäre doch Stoff für eine Pressemitteilung gewesen. Und die Polizei hätte dabei nicht doof dagestanden. Ein Grund mehr, sich über die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei in Osthessen zu wundern. Und es sind sicher nicht die sehr engagierten Presseleute, die daran schuld sind.

Do ch das Polizeipräsidium ist nicht die einzige Organisation, die die Öffentlichkeit am liebsten außen vor halten möchte. Seit dem Sommer sind am Kirchheimer Seepark die Anhänger der hinduistischen Bhakti-Marga-Vereinigung aktiv. Sie haben einen Tempel eingerichtet und bieten Yoga und Meditation an. Auch eine offizielle Einweihungsfeier hat es im August gegeben. Die Hersfelder Zeitung war da nicht eingeladen. Wohl aber der Hessische Rundfunk. Und der berichtete auch kritisch. Jetzt ist nicht nur der hr bei den Bhakti-Marga-Leuten in Ungnade gefallen, sondern alle Journalisten. Anfragen per E-Mail werden überhaupt nicht beantwortet und Anrufe abgewimmelt. Zuständig ist die Zentrale, die möglicherweise in England sitzt. Jedenfalls hat die Telefonnummer des Öffentlichkeitsverhinderers eine englische Vorwahl. Hartnäckiges Quengeln führte schließlich zu einer Einladung in der vergangenen Woche, doch der Termin wurde kurzfristig abgesagt. Ohne Begründung. Ein weiterer Kontakt war bisher nicht möglich. Dass über Bhakti Marga allerlei Unerfreuliches im Internet steht, ist nicht nur uns Journalisten bekannt. Doch wir hören auch viel Positives von den Kirchheimer Kommunalpolitikern, die Kontakt hatten und die Offenheit der dort Verantwortlichen lobten. Kein Grund also, die Lokalzeitung auszusperren. Oder gibt es in dem Ashram doch etwas zu verbergen?

Eine späte Würdigung hat jetzt Ute Boersch, die ehemalige Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Hersfeld-Rotenburg erfahren. Sie hatte sich immer wieder mit Nachdruck sowohl intern in der Verwaltung als auch extern im Kreis für die Sache der Frauen eingesetzt. Damit war sie dem ehemaligen Landrat Dr. Michael Koch wohl ein Dorn im Auge. Juristisch rechtmäßig aber inhaltlich fragwürdig wurde Boerschs Stelle vor zwei Jahren neu ausgeschrieben und ihre Bewerbung abgelehnt. Die interne Frauenbeauftragte wurde neu besetzt, die Aufgabe der externen an die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz übertragen, die ohnehin schon jede Menge Aufgaben hatte. Seitdem ist es um Frauenfragen im Landratsamt sehr, sehr ruhig geworden. Die Feierstunde zum 20-jährigen Bestehen des Runden Tisches gegen häusliche Gewalt nutzte Künholz nun, um Ute Boersch offiziell zu verabschieden. Sie habe einen „verdammt guten Job gemacht“ und deshalb gehen müssen, bestätigte Künholz den Eindruck, den damals viele hatten, dass Boersch nämlich einfach zu unbequem gewesen sei.

Von Christine Zacharias

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare