Zwischen den Zeilen

Vertrauen, Nachtschichten und Politik live im Netz

Karl Schönholtz
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Karl Schönholtz

In unserer Wochenend-Kolumne schreibt Karl Schönholtz das Problem, schwierige Sachverhalte richtig beurteilen zu können und über Online-Übertragungen.

Was haben die Corona-Krise und die Misere um das Rotenburger Herz- und Kreislaufzentrum gemeinsam? In beiden Fällen sind wir auf die Expertise und die Entscheidungskompetenz von Fachleuten und Politikern angewiesen, denen wir durch unsere Wählerstimmen irgendwann direkt oder indirekt unser Vertrauen geschenkt haben.

Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich nicht, jedes Konzept, jede Maßnahme kritiklos gutheißen zu müssen. Aber Hand aufs Herz: Wer von uns kann bei diesen komplexen Themenbereichen mehr beurteilen als vielleicht den Bereich, der einen oder eine unmittelbar betrifft?

Ich für mein Teil kann nicht mit Sicherheit sagen, ob jede Einschränkung im Zusammenhang mit Corona gerechtfertigt ist. Ich weiß genauso wenig, ob die Chefs im Klinikum und Landratsamt die Situation jederzeit richtig eingeschätzt und entsprechend gehandelt haben. Ich weiß aber auch, dass mir mein Bauchgefühl in beiden Fällen nicht weiter hilft.

Zugegeben: Manchen Politikern traut man ja alles Schlechte dieser Welt zu. Aber wer will das allen Ernstes von den Damen und Herren in Berlin oder von den Mitgliedern von Kreistag und Kreisausschuss in Hersfeld-Rotenburg behaupten?

Verantwortungsgefühl und Besorgnis zeigen sich auch in der Resolution zur Pandemie, die die Bad Hersfelder Stadtverordnetenversammlung am vergangenen Donnerstag verabschiedet hat. Nicht jeder Satz, der darin steht, wird von allen Parlamentariern gleichermaßen getragen. Das hat die Diskussion um den Antrag gezeigt. Dennoch stand am Ende ein einstimmiger Beschluss. Weil eben die Richtung stimmte.

Und vielleicht braucht es dieses Zugeständnis, dieses Grundvertrauen für alle Probleme, die mit Stammtischparolen und Kirchturmdenken nicht zu lösen sind. Den kritischen Blick kann man sich dabei ja bewahren. Und Dinge zu hinterfragen ist ja auch nicht verboten.

Wie wäre es, wenn die Sitzungen der Bad Hersfelder Stadtverordnetenversammlung live und in Farbe ins Internet übertragen würden? Mit dieser Möglichkeit haben sich die Parlamentarier jüngst in einer Ausschusssitzung beschäftigt, vorerst allerdings nur theoretisch.

Meik Ebert, Referent des Bürgermeisters, hatte sich zum Thema schlau gemacht und beispielsweise herausgefunden, dass es keinen Zwang geben darf: Wer mit seinem Redebeitrag nicht ins Netz will, der muss auch nicht. Er oder sie werden dann ausgeblendet. Und noch eine Erkenntnis, die sich auf die Erfahrung anderer Kommunen mit solchen Übertragungen stützt: Die Sitzungen werden länger. Denn offenbar findet mancher Stadtpolitiker das erweiterte Forum für seine Reden so attraktiv, dass er die Welt da draußen gerne etwas ausführlicher an seinen Gedanken teilhaben lässt. Oder es melden sich aus dem gleichen Grund noch mehr Parlamentarier zu Wort ...

Manchmal trügt der Schein: In einem Bildtext hatten wir auf der mittlerweile abgeräumten Baustelle in der Fußgängerunterführung am Bad Hersfelder Bahnhof viel zu langen Stillstand beklagt. Das war – wie sich jetzt durch einen freundlichen Anruf herausstellte – falsch.

Mit Rücksicht auf die Bahnreisenden und Passanten hat der Bautrupp aus Bebra nämlich in Nachtschichten gearbeitet. Wenn jetzt noch das Lichtspiel in der Wandverkleidung wieder eingeschaltet wird, dann sieht unser Bahnhof wieder freundlicher aus. (Karl Schönholtz)

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