Verständnis von Sex in verschiedenen Kulturen

Vertracktes Verfahren: Prozess um mutmaßliche sexuelle Belästigung von Asylbewerberinnen

Amtsgericht Bad Hersfeld in der Dudenstraße
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Amtsgericht Bad Hersfeld in der Dudenstraße

Zwei Welten prallen vor dem Schöffengericht am Amtsgericht in Bad Hersfeld aufeinander, wo sich ein Dolmetscher wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung verantworten muss.

Bad Hersfeld – Zwei Welten prallen derzeit vor dem Schöffengericht am Amtsgericht in Bad Hersfeld aufeinander. Dort muss sich ein 59 Jahre alter aus Afghanistan stammender Mann, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt, verantworten.

Er soll seine Tätigkeit als Dolmetscher ausgenutzt und zwei Asylbewerberinnen zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 sexuell belästigt und gegen deren Willen sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben (wir berichteten). So hatten es die beiden Frauen, eine 26-Jährige aus Afghanistan und eine 39-jährige Iranerin, bei der Polizei in Bad Hersfeld angezeigt.

Doch auch am dritten Prozesstag kam kein Licht ins Dunkel. Zu weit voneinander entfernt liegt das Selbstverständnis innerhalb der dort aufeinandertreffenden unterschiedlichen Kulturen. Auf der einen Seite die offene westliche Welt, in der Küsschen auf die Wange, Umarmungen zwischen Mann und Frau sowie eine gewisse körperliche Nähe für niemanden befremdlich wirken.

Und auf der anderen Seite die von Männern dominierte islamische Welt, wo die meisten muslimischen Frauen sich verschleiern müssen und von der Männerwelt offenbar regelrecht unterdrückt werden. Wenn dort, so schilderten es Zeuginnen aus diesem Kulturkreis, ein Mann eine Frau sexuell belästigt, dann sucht die Frau die Schuld bei sich.

Und in der Gesellschaft gelte fortan sie als schlecht. So ist es dann wohl auch zu verstehen, dass die Zeuginnen aus dem Iran und Afghanistan vor Gericht von Vergewaltigung sprechen, damit aber bereits die Frage eines Mannes nach Sex überhaupt gemeint ist. Nun haben Richterin, Staatsanwältin, Verteidiger und zwei Schöffen die schwere Aufgabe, genau herauszufinden, was der Angeklagte nun tatsächlich getan hat. Erschwert wird dies durch erhebliche Sprachbarrieren, die immer wieder erst mithilfe von Dolmetschern durchbrochen werden müssen.

Rechtsanwalt Harald Karsten hat derweil fünf Beweisanträge gestellt. Die gehen nun an das Gericht und werden von dort an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Ob die Beweisanträge allesamt vom Gericht zugelassen werden, ist offen. Richterin Christina Dern erklärte jedenfalls, dass sie es für nicht sinnvoll erachte, nun die gesamte islamische Gemeinde Bad Hersfelds in den Zeugenstand zu berufen. Die öffentliche Verhandlung wird am Freitag, 14. Mai, fortgesetzt. (Mario Reymond)

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