Blutend zurückgelassen

Bad Hersfeld: Mann wegen Messerattacke vor Gericht – Den Tod in Kauf genommen?

Symbolbild der Justizia mit verbundenen Augen
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Nach der Messerattacke: Junger Mann vor Gericht. (Symbolfoto)

Unter anderem wegen versuchten Totschlags muss sich seit Montag ein junger Mann aus Bad Hersfeld vor Gericht verantworten. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Fulda/Bad Hersfeld – Versuchten Totschlag sowie Körperverletzung in vier Fällen wirft Staatsanwalt Andreas Hellmich einem 20-Jährigen aus Bad Hersfeld vor, der sich deshalb seit Montag vor Gericht verantworten muss.

Der Prozess findet vor der mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzten Großen Jugendkammer der 2. Strafkammer am Landgericht Fulda statt. Der Heranwachsende sitzt in Untersuchungshaft und wurde in Handschellen in den Gerichtssaal gebracht, wo ihn während der Verhandlung zwei Wachtmeister im Blick behielten.

Mann aus Bad Hersfeld vor Gericht: Er stach mit einem Messer zu und ließ sein Opfer einfach liegen

Am 8. Juni dieses Jahres gegen 0.40 Uhr soll der Angeklagte einen als Nebenkläger auftretenden heute 23-Jährigen an der Frankfurter Straße in einen Streit verwickelt, ihn mehrfach geschlagen und schließlich mit einem Messer attackiert haben. Dabei fügte er seinem Opfer, das er laut Staatsanwalt anschließend stark blutend zurückließ, tiefe Schnitt- beziehungsweise Stichwunden zu und nahm dessen Tod so mindestens billigend in Kauf.

Zeugen hatten damals laut Polizeimeldung den Notruf gewählt. Der schwer, aber nicht lebensgefährliche Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht und operiert. Den Tatverdächtigen konnte die Polizei wenige Stunden später in dessen Wohnung festnehmen. Zum Tatzeitpunkt hatte der 20-Jährige laut Gutachten zwischen 1,26 und 1,84 Promille Alkohol im Blut. Weitere Substanzen konnten nicht nachgewiesen werden.

Messer-Prozess in Fulda: Angreifer habe sich „für Gott gehalten“

Sowohl der Angeklagte als auch das Opfer der Messerattacke kommen aus Syrien, kennengelernt hätten sie sich 2016 in einem Deutschkurs, berichtete der als erster Zeuge geladene 23-Jährige am Montag vor Gericht. Anfangs sei man befreundet gewesen, doch dann habe es Probleme gegeben. Der Geschädigte hatte den 20-Jährigen, der sich „für Gott gehalten habe“, mehrfach angezeigt und ein Kontaktverbot angestrengt. Das konkrete Motiv für den Angriff am 8. Juni blieb jedoch zunächst unklar.

Die vier weiteren Taten sollen sich zwischen März und Oktober 2020 ebenfalls in Bad Hersfeld ereignet haben. Bis zum 24. Januar sind zehn weitere Verhandlungstage angesetzt. Der Angeklagte schwieg am ersten Verhandlungstag zu den Vorwürfen, er äußerte sich lediglich mit diffuser Kritik an seinem Pflichtverteidiger.

Das Mitwirken eines Verteidigers in einem Strafverfahren ist in bestimmten Fällen notwendig, etwa wenn die Verhandlung vor dem Landgericht stattfindet, ein Verbrechen angeklagt ist, Untersuchungshaft vollstreckt wird oder die zu erwartende Strafe ein Jahr Freiheitsstrafe oder mehr beträgt. Dann muss das Gericht einen Pflichtverteidiger beiordnen – ob vom Angeklagten gewollt oder nicht. Er wird nur dann nicht bestellt, wenn der Beschuldigte schon einen Verteidiger hat. Die Kosten trägt zunächst die Staatskasse, nach einer rechtskräftigen Verurteilung werden die Kosen dem Verurteilten auferlegt. 

Zu den Vorwürfen wollte sich der 20-Jährige, der sich seit Montag wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung in vier Fällen vor der Jugendkammer am Landgericht in Fulda verantworten muss, beim Prozessauftakt nicht äußern. Stattdessen verlangte er nach einem anderen Pflichtverteidiger.

Prozess nach Messer-Angriff: Beschuldigter zettelt Zoff mit Verteidiger an

Dem Heranwachsenden steht der Bad Hersfelder Strafverteidiger Jochen Kreissl bei. „Es passt nicht“, sagte der Angeklagte, der Kreissl außerdem falsche Behauptungen oder die Beeinflussung von Zeugen vorwarf – so genau war trotz Übersetzung für keinen der Prozessbeteiligten zu verstehen, woran sich der 20-Jährige konkret störte. Zwei Schreiben, von denen er sprach, hatte er weder mitgebracht, noch konnte er sie später auftreiben. „Ich dränge mich nicht auf, stehe aber weiter aktiv zur Verfügung“, gab Kreissl selbst zu Protokoll, der auch keine Gründe beziehungsweise Probleme sah, jedoch von einem Disput vor Beginn der Verhandlung sprach.

„Das ist hier kein Wunschkonzert“, machte indes der Vorsitzende Richter Joachim Becker dem Angeklagten klar. Wenn es Gründe für eine Entpflichtung des Verteidigers gebe, müsse er diese präzisieren und in einem entsprechenden Antrag darlegen. Staatsanwalt Andreas Hellmich schloss sich dem an, sodass das Verfahren am Montag zunächst wie geplant fortgeführt wurde.

Richter mahnt Zeugen: „Taxi mit Blaulicht auf dem Dach schicken“

Am Mittwoch soll die Verhandlung mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt werden. Den ersten Zeugen, das 23 Jahre alte Opfer der angeklagten Messerattacke, bat Becker eindringlich darum, den weiteren, ihm bekannten Zeugen die Wichtigkeit ihrer Aussagen noch mal mitzuteilen. Sollten sie nicht erscheinen, werde man ein „Taxi mit Blaulicht auf dem Dach schicken“, was eventuell auch eine Nacht in der Zelle zur Folge haben könnte.

In den vier mit angeklagten Fällen von Körperverletzung soll der Beschuldigte an der Breitenstraße, an der Wehneberger Straße, am Hainchenweg und nahe Amazon zugeschlagen haben. Auch von Kopfstößen und Tritten ist die Rede. Ein Opfer erlitt einen Kieferbruch, heißt es. (Nadine Meier-Maaz)

Der ehemalige Pressesprecher der Polizei Bad Hersfeld wurde Ende Oktober (2021) ebenfalls mit einem Messer attackiert. Er musste sich nach dem Angriff einer Notoperation unterziehen.

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