Zwischen den Zeilen

Unter Freunden und Unterleuten

Kai A. Struthoff

Eine Woche ist Donald Trump jetzt US-Präsident und noch ist uns nicht der Himmel auf den Kopf gefallen. Dabei tut der neue „Führer der freien Welt“ alles, um sich überall unbeliebt zu machen.

Dennoch wäre es völlig falsch, jetzt in blinden Anti-Amerikanismus zu verfallen, wie wir ihn zu Reagan- und Bush-Zeiten in Deutschland erlebt haben. Die neue und kluge Direktorin der Gedenkstätte Point-Alpha, Ricarda Steinbach, hat zurecht darauf hingewiesen, welche gemeinsamen Werte Deutschland und die USA verbinden. Gerade hier, im ehemaligen Zonenrandgebiet und in der früheren Garnisonsstadt Bad Hersfeld, wissen wir um die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Und die lassen wir uns nicht von diesem neuen republikanischen Elefanten im weltpolitischen Porzellanladen zertrampeln.

Freundschaft ist wichtig – gerade auch in schwierigen Zeiten. Die Kreisstadt Bad Hersfeld macht es ihren Freunden allerdings nicht immer leicht. Immer wieder hören wir Klagen über das oft überhebliche Auftreten der Kreisstädter gegenüber den anderen Gemeinden des Kreises. Fast scheint es so, als gelte Donald Trumps-Leitspruch auch bei uns: „Hersfeld first!“ Aber so einfach ist das nicht. Zum Beispiel bei der Bewältigung des Hessentages ist Bad Hersfeld dringend auf die Unterstützung der Nachbargemeinden und speziell von Ludwigsau, Hauneck und Neuenstein angewiesen – zum Beispiel bei der Ausweisung von Park- und Veranstaltungsflächen. Doch bislang ist die Kreisstadt dem Vernehmen nach noch nicht auf die Nachbarn zugegangen. Auch das jüngste Kick-Off-Treffen in der Stadthalle soll – so hören wir – wenig Klarheit gebracht haben. Dabei drängt die Zeit mehr, als man denkt.

Mein Kollege Karl Schönholtz ist ganz geknickt. Er ist engagiertes Mitglied der Auswahl-Jury für „Bad Hersfeld liest ein Buch“ und frisst sich dafür Jahr für Jahr durch einen ganzen Berg voller Bücher. War die Aktion 2016, in deren Mittelpunkt Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ stand, ein riesiger Erfolg, so ist in diesem Jahr wohl erst einmal die Luft raus: Ganze acht Vorschläge sind bisher eingegangen, darunter mit Blick auf das Luther-Jahr allein viermal „Die Bibel“. In den Vorjahren hatten die Hersfelder 40 bis 50 Bücher vorgeschlagen. Jetzt hofft der betrübte Kollege, dass die Liste in letzter Minute doch noch ein bisschen länger – und die Auswahl für die Auswahl-Jury ein bisschen größer wird.

Ich hätte deshalb auch einen Lesevorschlag: Im Weihnachtsurlaub habe ich in zwei Tagen Juli Zehs großartigen neuen Roman „Unterleuten“ verschlungen. Es geht um einen kleinen Ort in der brandenburgischen Provinz, in dem Alteingesessene und Neubürger friedlich zusammenleben. Als aber ein Investor einen Windpark bauen will, gerät das soziale Gefüge des Dorfes völlig durcheinander. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Mir auch!

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