Das Schweigen gezeigt

Über 220 Zuschauer sahen digitalisierte Fassung des Films „Jetzt – nach so viel’ Jahren“

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Waren sichtlich erfreut über das große Interesse an ihrem Film – fast 40 Jahre nach der Erstausstrahlung: Pavel Schnabel (links im Bild) und Harald Lüders. Rechts Dr. Heinrich Nuhn, der die Begrüßung der über 200 Gäste übernahm.

Bad Hersfeld. Die digitalisierte Fassung des preisgekrönten Dokumentarfilms über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Rhina wurde jetzt in Bad Hersfeld gezeigt. 

Vergessen, verdrängt oder überbewertet? Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Haunetaler Ortsteil Rhina zur Zeit des Nationalsozialismus ist Thema des preisgekrönten Dokumentarfilms „Jetzt – nach so viel’ Jahren“ von 1981.

Pavel Schnabel und Harald Lüders hatten den nicht unumstrittenen Film, der zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr in der ARD gezeigt wurde, damals als freie Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks gedreht. Am Dienstagabend war die digitalisierte Fassung in Anwesenheit der beiden Macher im Bad Hersfelder Kino zu sehen.

Die 213 Plätze im großen Saal des Hersfelder Kinocenters waren alle besetzt. Weitere Stühle wurden kurzerhand aufgestellt.

Eingeladen zu der Veranstaltung mit anschließender Diskussion hatte die Projektgruppe Zeitsprünge Hersfeld-Rotenburg, unterstützt von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und dem Jüdischen Museum Rotenburg. In seiner Begrüßung und Einführung zitierte Dr. Heinrich Nuhn unter anderem aus Polizeiberichten von Juli 1934, in denen von eingeschlagenen Fenstern an den Häusern jüdischer Familien in Rhina die Rede ist.

Pavel Schnabel selbst hat den 16-Milimeter-Film digitalisiert, um das „historische, einmalige und authentische Dokument vor dem Tod zu bewahren“. Von dem großen Interesse waren sowohl die Autoren wie auch die Veranstalter sichtlich überrascht. Die 213 Plätze im großen Kinosaal waren schnell gefüllt, sodass die Mitarbeiter des Kinocenters kurzfristig noch einige Stühle aufstellen mussten. Auch viele „Rhinscher“ waren gekommen, um sich den Film erneut oder erstmals anzusehen.

In dem Haunetaler Dorf – das einen so hohen Anteil jüdischer Einwohner gehabt habe wie kein anderer Ort in Deutschland – waren die Filmemacher damals nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen worden, erinnerten sie sich. Nach der Ausstrahlung seien sie von manchen als Nestbeschmutzer beschimpft worden, es habe aber auch viele positive Reaktionen gegeben. Dabei sei es ihnen nicht darum gegangen, ausgerechnet Rhina als das Nazi-Dorf schlechthin hin darzustellen oder Details der Lokalgeschichte nachzuzeichnen. Vielmehr sei Rhina als Parabel für Deutschland zu betrachten. „Unsere Intention war es, einen interessanten und wahrhaftigen Film zu machen, der außerdem ganz anders war als andere Filme zum Thema“, so Harald Lüders. Man habe versucht, Schweigen zu zeigen. „50 Prozent der Bevölkerung waren plötzlich weg und keinem ist es aufgefallen oder keiner hat etwas mitbekommen?“ So oder ähnlich formulierte es Lüders während der angeregten Diskussionsrunde.

In „Jetzt – nach so viel’ Jahren“ kommen ältere und jüngere Rhinaer zu Wort, ebenso wie aus Haunetal nach New York geflüchtete Juden, die Lüders und Schnabel per Zeitungsannonce ausfindig gemacht hatten. „Zum Fremdschämen“ kommentierte ein Rhinaer, der mit seiner Tochter gekommen war, nach der Vorführung die Aussagen seines Vaters im Film. (nm) 

Kurt Bolender erinnert an Rhinas jüdische Vergangenheit

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