Weltbilder prallen aufeinander

Tiraden und Versöhnung: Szenische Lesung zum Holocaust-Gedenktag

Schlüpften in die Rolle verschiedener Personen der Zeitgeschichte: (von links) Brigitte Meyer-Christ (Hannah Arendt), Holk Freytag (Richard von Weizsäcker), Hartmut Käberich (Wladyslaw Bartoszewski), Claus Heymann (Heinrich Himmler), Herbert Janßen (Hans Michael Frank) und Thomas Bös (Neonazi). Fotos: Landsiedel

Bad Hersfeld. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages trafen am Freitagabend auf der Bühne des Buchcafés Protagonisten, Anhänger, Widersacher und Opfer des NS-Regimes in einer fiktiven Podiumsdiskussion aufeinander.

Dieter Schenk und Holk Freytag hatten mit der Idee, fünf Personen der Zeitgeschichte historisch belegte Texte und einen „Anonymus“ genannten Neonazi dumpfe, aus dem Internet zusammengeklaubte Phrasen so vorlesen zu lassen, dass der Eindruck einer coram publico geführten Diskussion entstand, voll ins Schwarze getroffen.

Obwohl sie sich in dieser Zusammensetzung nie begegnet waren, saßen durch diesen dramaturgischen Kniff der Reichsführer SS Heinrich Himmler und die jüdische Publizistin Hannah Arendt, Generalgouverneur Hans Frank und der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ein anonymer Neonazi und der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski plötzlich zu einer Gesprächsrunde vereint an einem Tisch. Teils kalt und menschenverachtend, teils zynisch, teils emotional und berührend konnten so die unterschiedlichen Weltbilder, Ideologien und Argumente aufeinanderprallen; sein Urteil musste und konnte sich jeder Zuhörer ganz ohne moralisch erhobenen Zeigefinger selbst bilden. Den Tiraden Hans Franks (eindrucksvoll gelesen von Herbert Janßen) während einer SS-Versammlung in Posen standen die versöhnlichen Worte Wladyslaw Bartoszewskis, der sowohl unter Hitler als auch unter Stalin lange Jahre inhaftiert war und als Brückenbauer zwischen Polen und Deutschen gilt, gegenüber.

Die gespaltene Persönlichkeit Heinrich Himmlers, einerseits pedantischer, zynischer Organisator des Massenmordes und bürokratische Beamtenseele, andererseits spießbürgerlicher Familienmensch, der seine Briefe an „Mutti“ und „Püppi“ mit „Euer Papi“ unterschreibt, wird beinahe emotionslos von Hannah Arendt (berührend gelesen von Brigitte Meyer-Christ) seziert und entlarvt. Ohne auf die dumpfen Parolen des von Thomas Bös gelesenen Neonazis einzugehen, verdeutlichte Holk Freytag in der Rolle Richard von Weizsäckers, was spätestens seit dessen Rede vom 8. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestages der Beendigung des Krieges in Europa als Deutsche Staatsraison gilt: „Wir müssen verstehen, dass es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“.

Den vollständigen Artikel lesen Sie am Montag in der gedruckten Zeitung und im E-Paper.

Von Thomas Landsiedel

Szenische Lesung zum Holocaust-Gedenktag im Buchcafé

Szenische Lesung zum Holocaust-Gedenktag

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