Interview mit dem Wetter-Experten

Sven Plöger: „Umweltverschmutzung muss teuer sein“

Sind wir noch zu retten? Wetter-Experte Sven Plöger antwortet trotz des Klimawandels mit „Ja“. 
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Sind wir noch zu retten? Wetter-Experte Sven Plöger antwortet trotz des Klimawandels mit „Ja“. 

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Klimawandel. Auch beim Sparkassen-Forum in Bad Hersfeld drehte sich diesmal alles ums Wetter.

Am Rande der Veranstaltung sprachen wir mit dem Hauptredner, dem aus dem Fernsehen bekannten Meteorologen Sven Plöger, über Flugreisen, Kreuzfahrten und das Unwort des Jahres.

Herr Plöger, lassen Sie uns gleich zu Beginn die wichtigste Frage klären: Sind wir noch zu retten?

Theoretisch ja.

Was macht Sie so optimistisch?

Ich bin Rheinländer (lacht). Es wäre einfach falsch, jetzt ein Drama heraufzubeschwören und uns gegenseitig zu erklären, jetzt sei sowieso alles zu spät. Wer soll so zum Handeln motiviert werden? Natürlich bin ich auch skeptisch, wie schnell uns diese Rettung gelingt. Erinnern wir uns an 1992, den Klimagipfel in Rio de Janeiro, als große Aufbruchstimmung herrschte. Damals haben alle gesagt, es müsse sich etwas ändern - und der CO2-Ausstoß ist seitdem um 76 Prozent gestiegen. Wir gehen also immer noch in die falsche Richtung. Aber: Es passen noch 720 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre, um das Zwei-Grad-Ziel nicht zu reißen. Wir lassen pro Jahr 36 Gigatonnen in die Luft. Ganz grob haben wir noch rund 20 Jahre Zeit, um die Dinge zu tun, die wir uns ja längst versprochen haben.

Was müsste sich ändern?

Der Groschen fällt ja so langsam. Junge Menschen gehen auf die Straße, Parteien entdecken das Klima als Wahlkampfthema, auch in der Wirtschaft ist das Thema angekommen. Die Aufmerksamkeit steigt, es wird überall diskutiert. Das ist gut. Aber so langsam muss die Politik damit beginnen, aktiv etwas zu unternehmen.

Zum Beispiel?

Mit dem Verzicht allein, so wichtig er ist, wird es nicht funktionieren. Es bringt auch nichts, Feuerwerk an Silvester mit dem Klima-Argument zu verbieten. In einer freudlosen Verbotswelt nimmt man keine Menschen mit. Stattdessen brauchen wir technische Lösungen und dafür politische Rahmenbedingungen. Nehmen wir das Beispiel Kreuzfahrt. 1990 haben vier Millionen Menschen auf der Welt eine Kreuzfahrt gemacht, 2019 waren es 30 Millionen. Es sind also immer mehr und immer größere Schiffe unterwegs, hauptsächlich mit umweltschädlichem Schweröl. Ich wäre also nicht dafür, Kreuzfahrten zu verbieten, wohl aber den Einsatz von Schweröl. Andernfalls wird niemand auf Flüssiggas-, Diesel- oder noch viel modernere Technologien umsteigen, weil Schweröl viel billiger ist. Oder schauen Sie sich die Fliegerei an. Inlandsflüge würde ich massiv verteuern. Warum nicht mit der Bahn von Frankfurt nach Berlin reisen? Wir haben ja schon synthetische Kraftstoffe, wir nutzen sie aber nicht, weil dann alles deutlich teurer wäre. Dieses Denken müssen wir ändern.

Das wird vielen nicht gefallen.

Mag sein. Aber der Satz „alles muss bleiben, wie es ist - vor allem billig“ kann ja keine intelligente Antwort auf unser erkennbar riesiges Klimaproblem sein. Schließlich erleben wir heute die Unwetterhäufung, die uns die Klimaforschung vor 40 Jahren vorhergesagt hat. Verschmutzung der Umwelt muss einfach sehr teuer sein, um möglichst viele Menschen zu veranlassen, das sein zu lassen. Da braucht es Regeln! In den 70er-Jahren hatten wir in Deutschland 25.000 Verkehrstote pro Jahr. Dann wurde die Anschnallpflicht eingeführt und es gab einen Aufschrei. Aber die Zahl der Opfer sank. Jetzt sind wir bei 3000. Und über die Gurte regt sich niemand mehr auf.

Die Klimaveränderungen machen sich auch hier im Landkreis bemerkbar. Im extrem trockenen und heißen Sommer 2018 mussten die Feuerwehren fast täglich ausrücken. Vor neun Monaten vernichtete ein Feuer im Seulingswald sieben Hektar Wald. Müssen wir uns jetzt dauerhaft auf Rekordhitze einstellen?

Die Wahrscheinlichkeit für auffällige Jahre nimmt zu, ja. Ich gehe sogar davon aus, dass in 30 Jahren ein Sommer wie der von 2018 völlig normal sein wird.

Sparkassen-Forum mit Wetter-Experte Sven Plöger

Woran liegt das?

Ganz kurz erklärt, hängt das mit dem arktischen Eis zusammen, das wir durch unsere Einwirkungen auf das Klima zunehmend verschwinden lassen. Weniger Eis bedeutet, dass der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol abnimmt und sich der Jetstream, also die Strahlströme in zehn Kilometern Höhe, verändert. Das führt wiederum dazu, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete erheblich langsamer durchziehen als früher. Das Wetter bleibt also länger an einer Stelle. Und so erhöht sich automatisch die Dürregefahr einerseits, aber auch die Hochwassergefahr andererseits.

Was sagen Sie als Meteorologe eigentlich dazu, dass „Klimahysterie“ kürzlich zum Unwort des Jahres gewählt worden ist?

Dazu muss man erst einmal wissen, was die Jury damit eigentlich ausdrücken wollte.

Nämlich?

Sie wollte darauf aufmerksam machen, dass es hysterisch ist, wie sich die Klimawandelleugner diesem Thema gegenüber präsentieren, obwohl der Klimawandel inzwischen für alle spürbar ist. Die Argumente, die man immer wieder von den Leugnern hört, sind von vorn bis hinten physikalischer Nonsens. Damit würde man nie Anhänger finden, wenn alle im Physikunterricht zumindest ein bisschen aufgepasst hätten. Da frage ich mich, warum haben diese Menschen nicht im Physikunterricht aufgepasst? Um klug zu handeln, gilt es nachzudenken und intelligente Lösungen zu finden. Hysterische Betriebsamkeit hilft uns nicht.

Herr Plöger, unsere Leser kennen Sie vor allem als Wetteransager aus dem Fernsehen. Dieses Interview erscheint in unserer Montagsausgabe. Da drängt sich natürlich abschließend noch die Frage auf: Wie wird denn am Montag das Wetter hier in der Region?

Am Montag erwarten uns viele Wolken und ab und zu mal Regen bei milden 10 Grad. Ab Dienstag ist es mit 3 bis 6 Grad etwas kühler und dann gibt es zwischen Sauerland und Rhön auch wieder ein paar Schneeflocken auf den Bergen.

Zur Person

Sven Plöger (52) ist einer der prominentesten Meteorologen Deutschlands. Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Fernsehauftritte als Wettervorhersager nach den ARD-Tagesthemen und bei „Das Wetter im Ersten“. Gebürtig stammt Plöger aus Bonn. Nach einem Meteorologiestudium in Köln begann er bei dem Schweizer Wettervorhersagedienstleister von Jörg Kachelmann. Inzwischen arbeitet er für die Firma Cumulus Media in München. Sven Plöger ist seit 1998 verheiratet, hat keine Kinder und lebt in Ulm.

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