1. Hersfelder Zeitung
  2. Bad Hersfeld

Stressverarbeitung mit Folgen: Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Zähneknirschen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nadine Meier-Maaz

Kommentare

Schützt die Zähne und entlastet die Muskulatur: Die Aufbiss- oder Knirschschiene.
Schützt die Zähne und entlastet die Muskulatur: Die Aufbiss- oder Knirschschiene. © Fotolia/nh

Bad Hersfeld. Ob aus Wut oder Stress: Wer gelegentlich die Zähne zusammenbeißt, hat nichts zu befürchten. Regelmäßiges Knirschen kann jedoch die Zähne schädigen.

zudem können Muskelverspannungen oder andere unangenehme Folgen auftreten. Wir haben mit Zahnarzt Jörg Assmann aus Bad Hersfeld über die „Volkskrankheit“ Bruxismus gesprochen.

Bruxismus – was ist das überhaupt?

Mit dem medizinischen Fachbegriff können wohl nur die Wenigsten etwas anfangen, das Phänomen allerdings ist vielen bekannt – ob aus eigener Erfahrung oder weil der Partner darunter leidet und man selbst mit. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort brygmos (das Knirschen) ab. 

Gemeint ist das in der Regel unbewusste, meist nächtliche, Zähneknirschen oder Aufeinanderpressen der Zähne. Oft merken Betroffene gar nicht, dass sie dies tun, bis sie von ihrem Partner darauf angesprochen werden, den das geräuschvolle Treiben in der Nacht stört, oder sie unter den Folgen leiden. Der Zahnarzt erkennt ein „Knirschgebiss“ an den Folgen meist auf den ersten Blick. Wer regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrolle geht, wird also auch nicht allzu lange unbemerkt knirschen können.

Welche Ursachen hat das Zähneknirschen?

Bruxismus wird meist mit Stress in Verbindung gebracht, der als typischer Auslöser gilt. Ob im Beruf oder im Privaten: Das Knirschen ist eine spezielle Art, Stress zu verarbeiten. Wobei natürlich nicht jeder, der Stress hat, mit den Zähnen knirscht.

Berufstätige sind laut Jörg Assmann häufiger betroffen als Nicht-Berufstätige und Frauen häufiger als Männer, so seine Erfahrung. Er schätzt, dass etwa 40 Prozent seiner Kunden Bruxismus-Patienten sind. Die meisten seien Berufstätige zwischen 30 und 45 Jahren, es gäbe aber auch junge Leute, die bereits unter jahrelangem und unbehandeltem Zähneknirschen leiden. Das Phänomen sei jedenfalls weit verbreitet und trete immer häufiger auf.

Depressionen oder Angststörungen können das Knirschen und Pressen als Bewältigungsmechanismus ebenfalls auslösen.

Fehlerhafte Zahnstellungen, schlecht sitzender Zahnersatz oder Probleme mit dem Kiefergelenk sind weitere mögliche Auslöser. Unklar ist bisher, ob es auch eine genetische Veranlagung gibt, die Bruxismus zur Folge hat.

Auch Kinder knirschen häufig, sobald die ersten Zähne erscheinen. Bei Kindern ist Bruxismus meist ein ganz normales Entwicklungsphänomen.

Welche Folgen kann das Knirschen und Pressen haben?

Wer regelmäßig und über einen längeren Zeitraum mit den Zähnen knirscht oder diese aufeinanderpresst, wird früher oder später unangenehme „Nebenwirkungen“ zu spüren bekommen. Denn die Zähne sind dafür nicht ausgelegt, sie haben im Normalfall gar keinen Kontakt, wie Jörg Assmann erklärt. „Im Extremfall werden beim Zähnepressen schnell mehr als 100 Kilo gedrückt“, verdeutlicht er das Problem.

Zum einen wird die schützende Zahnsubstanz, der Zahnschmelz, geschädigt. Dieser wird laut Assmann regelrecht „weggeknirscht“. Die Zähne werden kürzer und empfindlicher, die ursprüngliche Bisshöhe verändert sich. Doch nicht nur die Zähne werden in Mitleidenschaft gezogen. Der Zahnhalteapparat wird ständig überlastet, ebenso können das Kiefergelenk, die Kaumuskulatur und andere Muskelgruppen geschädigt werden. „Das Knirschen und Pressen ist wie eine Art Muskeltraining im negativen Sinne“, so der Zahnarzt. Mitunter könne sich dadurch sogar die Mimik beziehungsweise die Gesichtsform verändern. Wer nachts ständig derart arbeitet, klagt in der Regel morgens auch über Müdigkeit oder Leistungsabfall.

Im weiteren Verlauf können Spannungskopfschmerzen, Migräne, Rücken- und Nackenschmerzen sowie Ohrgeräusche (Tinnitus), Schwindel, Sehstörungen oder Übelkeit auftreten.

Zu den typischen Symptomen zählt außerdem das Kieferknacken. Manche Betroffenen können nicht mehr essen oder sprechen, ohne dass es knackt. „Das kann in Gesellschaft unangenehm sein, auch wenn es nicht schmerzt“, so Assmann.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Bruxismus?

Um die Zähne zu schützen und die Muskulatur zu entlasten und zu entspannen, bietet sich eine sogenannte Aufbissschiene aus Kunststoff an, die ganz einfach unter Wasser und mithilfe einer Zahnbürste gereinigt werden kann. „Es gibt verschiedene Typen, die aber alle das gleiche Ziel haben“, sagt Jörg Assmann.

Schützt die Zähne und entlastet die Muskulatur: Die Aufbiss- oder Knirschschiene.
Schützt die Zähne und entlastet die Muskulatur: Die Aufbiss- oder Knirschschiene. © Fotolia7nh

Um die Zähne bestmöglich zu schützen und den Kiefer bestmöglich zu entlasten, müsste die Schiene eigentlich rund um die Uhr getragen werden, was aber schwer umsetzbar ist, da sie beim Sprechen und Essen stört. Deshalb wird sie von den meisten nur in der Nacht getragen. „Damit ist zumindest erst einmal das Zeitfenster abgedeckt, in dem die meisten Patienten knirschen oder pressen.“

Die Aufbissschiene dient vorrangig als akute Syptombehandlung und kann sowohl für den Ober- als auch den Unterkiefer angefertigt werde. Erfahrungsgemäß wird die Schiene im Unterkiefer eher toleriert und dadurch länger getragen. Mit der Zeit und je nach Beanspruchung verschleißt die Schiene, die dann ausgetauscht werden sollte.

Sollte das Kiefergelenk schon in Mitleidenschaft gezogen sein, oder die Zähne schon stark geschädigt sein, sind weitere Untersuchungen und Behandlungen notwendig. Nicht selten hat sich die Lage des Unterkiefers zum Oberkiefer durch den Substanzverlust an den Zähnen so stark verändert, dass die ursprüngliche Situation nur durch aufwendige Rekonstruktionen wieder herzustellen ist. Die Kosten für die Schiene werden von der Krankenkasse bezahlt, was diese nicht übernimmt, sind allerdings spezielle Analysen und Vermessungen, die bei aufwendigen Rekonstruktionen in der Regel erforderlich sind.

Was sollten von Bruxismus Betroffenen sonst noch bedenken?

Um den Verlauf zu dokumentieren, sollten Bruxismus-Patienten zur Kontrolle regelmäßig bei ihrem Zahnarzt vorstellig werden.

Neben der Schienentherapie gilt es außerdem, die Ursache anzugehen. Stress am Arbeitsplatz lässt sich nicht immer vermeiden – Sport, bestimmte Entspannungstechniken oder auch Physiotherapie können aber helfen. Sind psychische Belastungen oder Erkrankungen die Ursache, kommt eventuell eine Psychotherapie in Frage. Wen kurz geknirschte Zähne optisch stören, dem können nur noch Kronen helfen, erklärt Assmann, der wie seine Kollegen entsprechend berät.

Zur Person

Jörg Assmann (56 Jahre) kommt aus Bad Hersfeld und lebt in Ludwigsau. Er hat in Kassel eine Ausbildung zum Zahntechniker absolviert und anschließend Zahnmedizin in Gießen studiert. Seine Assistenzzeit hat er in Homberg/Efze und Rotenburg absolviert. Mit einer eigenen Praxis machte er sich 1993 zunächst auf dem Johannesberg selbstständig, 2004 zog er mit der Praxis in die Dudenstraße in Bad Hersfeld. Seit 2016 wird sie zusammen mit Dr. Annette Schneider als Gemeinschaftspraxis geführt. Assmann ist verheiratet und hat zwei studierende Söhne. In seiner Freizeit beschäftigt er sich zusammen mit seiner Frau mit dem gemeinsamen Hobby Pferde. 

Auch interessant

Kommentare