Urteil: Sieben Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

Strapazierte Langmut: Ungewöhnlicher Rauschgiftprozess in Bad Hersfeld

Bad Hersfeld - Eine bunte Mischung verschiedener Rauschgifte hat einem 39 Jahre alten Bad Hersfelder sieben Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung eingebracht. 

Wegen des Besitzes von einer bunten Mischung verschiedener Rauschgifte – darunter Heroin – verurteilte das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld einen 39 Jahre alten Hersfelder zu sieben Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und verhängte die Auflage einer stationären Drogentherapie.

Dem Urteil vorausgegangen war allerdings ein Verfahren, das die Langmut von Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf eine harte Probe stellte.

Der Angeklagte

Fast 40 Jahre alt, seit Jahren drogenabhängig, Vater von zwei Kindern und vielfach vorbestraft, nicht nur wegen Drogendelikten, sondern auch wegen Raubtaten und Diebstahls. Einen Beruf hat der Hartz IV-Empfänger nicht erlernt. O-Ton: „Dazu bin ich nicht gekommen.“

Die Anklage

Gewerbsmäßiger Rauschgifthandel in 220 Fällen plus einmal unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln. Für etwa 60 Euro soll der Angeklagte in den Jahren 2015 und 2016 das Gramm Heroin verkauft und so fast 40.000 Euro erwirtschaftet haben.

Der Belastungszeuge

Der 41-Jährige erschien zunächst nicht. Erst nachdem die Polizei in Marsch gesetzt wurde und den Hersfelder im Stadtgebiet aufgriff, humpelte der Zeuge an einer Krücke mit fast anderthalbstündiger Verspätung in den Gerichtssaal. Als Folge eines Schlaganfalls ist er halbseitig gelähmt. Die Ladung habe er nicht erhalten – trotz Zustellurkunde.

Die Aussage

„Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich habe einen Hirnschaden und war im Delirium“, sagte der Zeuge und nahm damit fast alle seiner von der Polizei protokollierten Anschuldigungen zurück. Vielleicht einmal habe er von dem Angeklagten Drogen gekauft, genau wisse er das auch nicht. Alles andere aber: „Ich habe damals nur noch Ja gesagt. Das kann man nicht ernst nehmen.“

Die Sorge

Ein Wort der Entschuldigung für seine irreführenden Angaben fand der Zeuge nicht. Seine Sorge galt alleine der Heimfahrt in die Hohe Luft: In den Bus schaffe er es mit seiner Behinderung nicht, und sieben Euro für ein Taxi habe er nicht. Auf die Idee, mit seinem ohnehin ständig bimmelnden Smartphone Bekannte oder Verwandte um Hilfe zu bitten, kam der Zeuge nicht. Das Gericht zeigte dennoch Milde und veranlasste die Beförderung auf Staatskosten.

Die Ermittlungen

Tatsächlich hatte die Bad Hersfelder Kriminalpolizei über die Aussage des Zeugen hinaus keine Verbindung zum Angeklagten herstellen können. Bei der Telefonüberwachung wurden zwar offenkundig Drogengeschäfte festgestellt, der Name des in der Nähe wohnenden 41-Jährigen fiel dabei jedoch nicht.

Die Konsequenz

Vom 220-fachen Drogenhandel mussten Richterin Silvia Reidt und die beiden Schöffen den 39-Jährigen folglich freisprechen. Übrig blieb alleine der Besitz des für den Eigenbedarf gekauften Rauschgifts, das bei der Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten sichergestellt worden war.

Staatsanwalt Patrick Greyer forderte dafür acht Monate Freiheitsstrafe, Verteidiger Christian Kusche hielt eine Geldstrafe für ausreichend. Das Gericht aber nicht.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg/dpa

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