"Produkt von Eltern, die sich nicht gekümmert haben"

Jugendstrafe für Intensivtäter: 17-Jähriger stieß Kumpel auf Gleise

Symbolbild Gericht HNA
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Ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe: der weitestgehend geständige Angeklagte wurde am Montag in Bad Hersfeld verurteilt, das Urteil wurde sofort rechtskräftig.  

Die Liste der Taten des 17-Jährigen ist lang, viele sind geprägt von außergewöhnlicher Aggressivität. Jetzt wurde er in Bad Hersfeld zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt.

Er hat einen Freund im Streit gleich zweimal auf die Gleise im Bahnhof Bebra gestoßen, er hat Bekannte aus Rotenburg und Bebra mit einem Springmesser, drastischen Worten und Waffen-Videos bedroht, er hat vor Wut eine Tür eingetreten, er hat in einem Homberger Baumarkt gestohlen und bei seiner Festnahme so heftigen Widerstand geleistet, dass er erst von vier Polizisten gebändigt werden konnte: Für alle diese Taten verurteilte das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld einen 17-jährigen Intensivtäter vom Niederrhein zu einem Jahr und sechs Monaten Jugendstrafe.

Und doch war diese Liste nur die Spitze eines Eisberges: Mehrere nicht ganz so schwerwiegende oder letztlich nicht beweisbare Vorwürfe wurden auf Antrag von Staatsanwältin Christina Dern eingestellt.

Außerdem laufen bei den Staatsanwaltschaften in Frankfurt, Aachen, Göttingen, Kassel, Hanau, Mönchengladbach und Düsseldorf 16 weitere Anklagen und Ermittlungsverfahren gegen den Jugendlichen.

Zu dem freundlichen, redegewandten und weitgehend geständigen Angeklagten im großen Saal des Hersfelder Gerichts mochten diese Straftaten allerdings nicht passen. Tatsächlich hat der junge Mann während der jetzt fünf Monate währenden Untersuchungshaft entscheidend an Aggressivität verloren und Einsicht gewonnen.

Tritt gegen die Brust stößt Opfer zum zweiten Mal auf die Gleise

Das war am 1. Juni vergangenen Jahres an Gleis 9 des Bebraer Bahnhofs noch ganz anders gewesen: Der damals 16-Jährige hatte sich auf dem Bahnsteig in den Streit zweier Kumpels eingemischt und einen Jugendlichen ins Gleisbett geschubst. Als der Gefallene wieder auf den Bahnsteig gekrabbelt war, beförderte ihn ein Tritt gegen die Brust ein zweites Mal auf die Gleise. Über die Gefahr eines einfahrenden Zuges habe er „nicht nachgedacht“, sagte der Angeklagte.

Auch die meisten anderen Taten waren von außergewöhnlicher Aggressivität des 17-Jährigen gekennzeichnet, dem in Bebra und Rotenburg ein entsprechender Ruf vorauseilte.

Das Urteil, das im Einverständnis aller Beteiligten sofort rechtskräftig wurde, entsprach den Sichtweisen und Anträgen der Staatsanwältin und des Verteidigers Christian Kusche.

„Sie sind das Produkt von Eltern, die sich nicht gekümmert haben“, attestierte Richterin Michaela Kilian-Bock, die Vorsitzendes Schöffengerichts, dem Angeklagten eine extrem schwierige Kindheit.

Hintergrund: Keine "lebensbedrohliche Behandlung"

Dafür, dass er den Freund auf die Gleise gestoßen hatte, wurde der Angeklagte lediglich wegen einfacher Körperverletzung verurteilt. Angeklagt war die juristisch schwerwiegendere gefährliche Körperverletzung „mittels einer lebensbedrohenden Behandlung“. Nach höchster Rechtsprechung zählen nicht die möglichen Folgen einer solchen Tat, sondern deren Ausführung. Schubsen oder Tritte an sich – in diesem Fall die „Behandlung“ – gelten nicht als lebensbedrohlich.

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