Kurzarbeitergeld und Tariflöhne

Stefan Körzell (DGB) im Interview: „Klatschen alleine reicht nicht“

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Sieht Chancen: Stefan Körzell, Mitglied des Bundesvorstandes des DGB, auf dem Dach der Berliner Zentrale.

Die Corona-Pandemie hat auch dem Deutschen Gewerkschaftsbund reichlich Arbeit beschert. Unsere Zeitung sprach mit Stefan Körzell, Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstands.

Themen waren das Virus, die Krisenpolitik der Bundesregierung und Chancen für Veränderungen im Sinne der Gewerkschaften.

Herr Körzell, zunächst bitte einen Corona-Status: Arbeiten Sie im Home-Office, tragen Sie eine Maske, wie oft waschen Sie ihre Hände?

Ich habe drei Wochen von zuhause gearbeitet, in der letzten Woche war ich in Berlin. Dort habe ich jetzt zum ersten Mal beim Einkaufen so einen Röhrenschal getragen, den ich noch vom Rennradfahren hatte. Jetzt aber warte ich sehnlichst auf eine Maske aus Bottrop, wo das Label „Grubenhelden“ alte Bergmannskittel umarbeitet. So schütze ich mich. Und meine Hände wasche ich natürlich mehrmals am Tag.

Macht die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach in der Coronakrise einen guten Job?

Die Maßnahmen waren die richtige Antwort. Es musste sehr schnell gehandelt werden, und es gab keine Blaupausen dafür. Wir sind sehr froh, dass wir Instrumente wie das Kurzarbeitergeld haben. Andere Länder beneiden uns darum. In den USA haben in den letzten fünf Wochen 26 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Wichtig und für viele existenziell wichtig war, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes per Tarifvertrag vereinbart haben. Das war aber nicht überall möglich. Deshalb ist es gut, dass die Koalition jetzt beschlossen hat, das Kurzarbeitergeld nach drei Monaten anzuheben. Ein Erfolg der Gewerkschaften. Ein Wermutstropfen ist, dass dies erst ab Mai erfolgt.

Man hat ja momentan das Gefühl, dass das Geld mit vollen Händen verteilt wird. Trifft das immer die Richtigen?

In weiten Teilen Ja. Es gibt aber auch Forderungen nach der Abschaffung von Arbeitnehmerschutzgesetzen. Die kommen zumeist von denen, die immer mit dieser Forderung Politik machen und jetzt ihre Chance wittern. Oder es wird versucht, die Einführung der Grundrente oder die Rentenanpassung zu verschieben. Das finde ich schäbig. Diejenigen, die jetzt als Helden des Alltags gefeiert werden, haben in der Vergangenheit nicht die Anerkennung erfahren, die ihnen zusteht. Das muss sich künftig ändern, insbesondere, was die Bezahlung betrifft.

Was sind jetzt die wesentlichen Aufgaben des DGB?

Der DGB und die Gewerkschaften tragen Sorge dafür, dass unsere Kolleginnen und Kollegen nicht ins Bodenlose fallen. Wir machen Druck, damit die Umsetzung der Kurzarbeit schnell funktioniert. Wo wir bewährte Tarifvertragsstrukturen haben, konnten wir Regelungen zur Aufstockung des Kurzarbeitergeldes finden. Allerdings wollte das nicht jeder Arbeitgeberverband. Es gibt da Schönwetterverbände, etwa in der Leiharbeit, die den Tarifvertrag nur loben, wenn die Sonne scheint. Ein weiteres wichtiges Thema sind die Mieten. Wir haben uns da für den Kündigungsschutz stark gemacht, sodass niemand aus einer Wohnung vertrieben wird, wenn er wegen Corona die Miete nicht zahlen kann.

Sind das Forderungen und Punkte, die an den DGB herangetragen werden?

Nein, das ergibt sich aus unserem Anspruch, zusammen mit den Gewerkschaften für gerechte Löhne und anständige Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Kolleginnen und Kollegen zu sorgen. Dieser Anspruch gilt natürlich und gerade in schwierigen Zeiten.

Ist die Corona-Krise dann vielleicht sogar die Chance, Dinge zu erreichen oder zu etablieren, die vorher nicht möglich waren?

Das hoffe ich. Es geht uns darum, unter Wahrung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes möglichst so aus der Krise zu kommen, dass man anschließend gut durchstarten kann.

Das ist jetzt ziemlich allgemein. Haben Sie Konkretes im Auge?

Ja, zum Beispiel das klassische Gewerkschaftsthema Tarifpolitik. Dort, wo jetzt die Beschäftigten als Helden gefeiert werden, sind viele Arbeitgeber nicht an Tarife gebunden. Die sollten sich mal überlegen, die Arbeit dieser Helden endlich anzuerkennen, etwa im Einzelhandel. Klatschen alleine reicht nicht. Das gilt auch für die Altenpflege und die Logistik. Ich nenne mal ein Hersfelder Beispiel: Bei Amazon gibt es zwei Euro mehr bis Ende April und gleichzeitig steigt das Vermögen von Jeff Bezos um 24 Milliarden Dollar. Das ist obszön. 

Jetzt besteht auch die Chance, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Stellenstreichung im Öffentlichen Dienst, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben, fehlende Investitionen für Schulsanierungen – all das schlägt jetzt zu Buche. In den Gesundheitsämtern und der Gewerbeaufsicht, die jetzt eine zentrale Rolle spielen, dort ist Personal eingespart worden, bis es gequietscht hat – und jetzt fehlen die Leute. Die Schultoiletten waren auch schon vor Corona in einem unhaltbaren Zustand. Wir haben das alles immer kritisiert. Jetzt werden Versäumnisse aufgedeckt, die entschieden angegangen werden müssen.

Wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie, was die Bewältigung der Krise angeht?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass es dauert. Denn beim Wiederanfahren der Wirtschaft muss an allererster Stelle der Arbeits- und Gesundheitsschutz stehen. Die internationalen Lieferketten müssen zunächst wieder in Gang kommen. Dazu braucht es auch eine abgestimmte europäische Linie. Das hat ja in den letzten Wochen nicht so gut funktioniert. Dass alles wieder so sein wird, wie es war, kann ich mir nur schwer vorstellen.

Zum Schluss noch das Stichwort Kultur. Wie sehr vermissen Sie Theater, Konzerte, Fußball?

Nicht zu vergessen das Kino. Jetzt, wo all das nicht mehr stattfindet, merken wir erst einmal, was das für ein Gut ist. Die Frage ist, wie geht es weiter mit den kulturellen Institutionen? Da geht es auch um die Stärkung der kommunalen Haushalte, um die Finanzierung in der Zukunft zu sichern. Hier brauchen wir einen breiten gesellschaftspolitischen Konsens.

Zur Person:

Stefan Körzell, Jahrgang 1963, stammt aus Bosserode, lebt in Bad Hersfeld und arbeitet in Berlin. Er erlernte den Beruf des Maschinenschlossers bei den Rotenburger Metallwerken (RMW) und trat mit 17 Jahren in die IG Metall ein. Körzell hat bis 1990, zuletzt als Schichtführer, bei den Metallwerken gearbeitet. 1990 wurde er DGB-Organisationssekretär in Fulda und 1991 im Kreis Hersfeld-Rotenburg. 1997 wurde er zum Vorsitzenden des DGB-Kreises Bad Hersfeld-Eschwege gewählt. 2002 wurde er DGB-Landesvorsitzender in Hessen und Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen und gehörte dadurch auch dem Bundesvorstand an. 2014 wählten ihn die Delegierten des DGB-Bundeskongresses in den geschäftsführenden Bundesvorstand. 2018 wurde er in diesem Amt bestätigt. Körzell ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. (rey/ks)

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