Interview mit Christina Heimeroth

Spielsucht: „Alle Altersklassen betroffen“

Berät seit zehn Jahren Glücksspielsüchtige: Christina Heimeroth vom Zweckverband für Diakonie. Unter ihren Klienten sind viele Automatenspieler – Roulette, Poker und Sportwetten bergen aber ebenso ein hohes Suchtpotenzial. Foto: Nadine Maaz

Hersfeld-Rotenburg. Spielsucht ist ein großes Problem. Doch es gibt Hilfe, zum Beispiel bei der Diakonie.

Ob Lotto, Roulette oder das Spiel am Automaten: Glücksspiele können unterhaltsam sein, bergen unter Umständen aber auch ein hohes Suchtpotenzial. Rat und Hilfe bietet die Fachberatung Glücksspielsucht des Zweckverbands für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg, die in der vergangenen Woche zehnjähriges Bestehen gefeiert hat.

Wir haben mit Christina Heimeroth von der Fachberatung Glücksspielsucht über erste Anzeichen einer Sucht, Scham und mehr gesprochen.

Dem Klischee nach ist der typische Spieler jung und männlich. Wer nimmt Ihr Beratungsangebot wahr?

Christina Heimeroth: Betroffene finden sich eigentlich in allen Altersklassen. Allerdings sind es eher die Älteren, die unser Angebot wahrnehmen. Bei den jüngeren Klienten geht es meist um Sport- beziehungsweise Onlinewetten. Unter den über 30- oder 40-jährigen Spielern sind häufig Automatenspieler.

Im Jahr 2017 haben in allen hessischen Beratungsstellen insgesamt 1566 Menschen Hilfe gesucht, darunter 275 Angehörige, denn auch diese sind oft mit der Situation überfordert und benötigen Hilfe. Oder sie wollen sich Rat zu Unterstützungsmöglichkeiten holen. 88,4 Prozent der Klienten waren männlich und der Großteil der Betroffenen – 27 Prozent – war zwischen 27 und 35 Jahren alt. 19,3 Prozent gehörten zur Altersklasse 18 bis 27, 23,5 Prozent zur Gruppe 35 bis 45 und 24 Prozent waren zwischen 45 und 60 Jahre alt.

Wieviele Betroffene nutzen das Angebot der Diakonie?

Heimeroth: 2007, als wir auch schon eine entsprechende Beratung angeboten haben, es die Fachberatung aber so noch nicht gab, haben sieben Klienten Hilfe zum Thema gesucht. 2008 mit Einrichtung der Schwerpunktberatung waren es dann immerhin schon 14 und inzwischen sind wir bei rund 50 Klienten pro Jahr, inklusive Angehörige.

Wie groß ist die Scham, ein Angebot wie Ihres in Anspruch zu nehmen?

Heimeroth: Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten, die sich schließlich trauen, wissen keinen anderen Ausweg mehr und bedauern es im Nachhinein, nicht schon eher zu uns gekommen zu sein. Viele haben über Jahre ein Lügengerüst aufgebaut, um ihre Sucht zu vertuschen und zu finanzieren, das dann aber irgendwann zusammenbricht.

Zum Erstgespräch oder zum ersten Besuch der geleiteten Selbsthilfegruppe können gerne auch Angehörige, Partner, Freunde oder andere Vertrauenspersonen mitgenommen werden, um die Schwellenangst zu nehmen.

Die einen versuchen ihr Glück am Automaten, die anderen spielen Lotto: Macht es einen Unterschied, nach welchem Spiel jemand süchtig ist?

Heimeroth: Prinzipiell nicht. Wir beraten und helfen in allen Fällen, und sind auch entsprechend geschult. Der Suchtfaktor variiert bei den unterschiedlichen Angeboten jedoch. Man sagt beispielsweise, dass Automatenspiele aufgrund der hohen Ereignisfrequenz, also der Schnelligkeit wegen, einen besonders großen Suchtfaktor haben. Das ist zum Beispiel beim Lottospielen, wo man mitunter mehrere Tage auf das Ergebnis warten muss, anders.

Ab wann spricht man von problematischem Suchtverhalten?

Heimeroth:Eine Suchterkrankung erkennt man insbesondere daran, dass jemand die Kontrolle über sein Spielverhalten verloren hat und nicht mehr entscheiden kann, ob er spielen möchte, oder wieviel er verspielt. Weitere Merkmale für eine Glücksspielsucht sind etwa, dass das Spielen überwiegend den Alltag bestimmt, zum Lebensmittelpunkt wird. Betroffene vernachlässigen häufig ihre Familie, die Arbeit, Hobbys, die sozialen Kontakte, sie können ihr Spielverhalten nicht mehr steuern. Um die Diagnose Sucht stellen können, bedarf es aber einer ausführlichen differenzierten Klärung.

Die Beratung der Diakonie und der Kontakt zu anderen Betroffenen reichen für eine erfolgreiche Therapie aber vermutlich nicht aus, oder?

Heimeroth:Unsere Beratung ist der erste Schritt. Für Betroffene ist unser Angebot kostenfrei und auf Wunsch auch anonym. Oft schließen sich ambulante oder stationäre medizinische Rehabilitation an. Wir weisen unsere Klienten auf diese Möglichkeiten hin und übernehmen die Vermittlung. Seit 2001 ist Glücksspielsucht als behandlungsbedürftige Krankheit durch die Krankenkassen und Rentenversicherungsträger anerkannt. Auch nach der Therapie finden die Klienten wieder Unterstützung bei uns in Form einer Nachsorgebehandlung beziehungsweise einer Teilnahme an der geleiteten Selbsthilfegruppe.

Wie finanziert sich die Fachberatung?

Heimeroth:Die Fachberatung Glücksspielsucht ist eine im Rahmen des Glücksspielstaatsvertrages finanzierte Stelle des Ministerium für Soziales und Integration, von denen es in dieser Form 15 gibt. Diese sind vorerst bis 2021 gesichert. Sie wurden eingerichtet, um für die Menschen mit problematischem oder pathologischem Glücksspielverhalten und für deren Angehörige fachspezifische Angebote bereitzustellen.

Das Lullusfest steht kurz bevor. Dürfen Kinder denn Lose ziehen?

Heimeroth:Solche Attraktionen gehören natürlich dazu und sollten auch nicht verteufelt werden, sofern der Jugendschutz gewahrt wird. Es entwickelt ja auch nicht jeder ein problematisches Suchtverhalten, der mal einen Lottoschein ausfüllt oder ins Spielcasino geht. Eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt sich auf Grund mehrerer Faktoren, wie persönliche Entwicklung und soziales Umfeld.

Haben Sie selbst denn schon mal gespielt?

Heimeroth: (lacht) Auch ich habe mich als Kind über den Teddy an der Losbude gefreut und auch schon mal an einem Spielautomaten gespielt.

Zur Person

Christina Heimeroth (53 Jahre) kommt aus Bad Hersfeld und lebt immer noch dort. Die Diplom-Sozialarbeiterin und Fachberaterin für Glücksspielsucht hat nach dem Abitur am Obersberg in Fulda studiert und ist seit 2005 beim Zweckverband für Diakonie beschäftigt, inzwischen mit je einer halben Stelle bei der Fachberatung Suchtprävention und beim Hessischen Landesprojekt Glücksspielsuchtprävention und -beratung. Zuvor war Heimeroth unter anderem zehn Jahre lang in der stationären Jugendhilfe und kurz bei der Tagespflegebörse des Landkreises tätig. Die 53-Jährige ist geschieden und hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. In ihrer Freizeit ist sie häufig im Pferdestall anzutreffen, außerdem backt und liest sie gerne.

Kontakt:

Diakonie Fachberatung Glücksspielsucht, Haus der Diakonie 1, Kaplangasse 1, 36251 Bad Hersfeld, Telefon 06621/61091

Haus der Diakonie 3, Kirchplatz 3 36199 Rotenburg, Telefon 06623/6607 christina.heimeroth@ekkw.de www.diakonie-hef-rof.de

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