Bewährungshilfe braucht mehr Plätze für Verurteilte

Sozialstunden: Im Kreis Hersfeld-Rotenburg fehlen Einsatzstellen

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Partner für Einsatzstellen und Menschen, die gemeinnützige Arbeitsstunden leisten müssen: Jürgen Dietz, links, und Bewährungshelfer Horst Höck arbeiten für die Sozialen Dienste der Justiz.

Hersfeld-Rotenburg. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg fehlen zunehmend Einsatzstellen für Menschen, die nach Straftaten Sozialstunden ableisten müssen.

Wer vom Gericht zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt wurde, diese aber nicht bezahlen kann, hat die Möglichkeit, seine Strafe abzuarbeiten. Wer im Rahmen einer Bewährungsstrafe eine Arbeitsauflage bekommt, muss diese ebenfalls abarbeiten. Allerdings fehlen im Landkreis zunehmend entsprechende Arbeitsstellen.

„Wir brauchen einen großen Pool von Einsatzstellen, weil wir auch darauf achten müssen, dass der Betroffene und sein vorübergehender Arbeitsplatz zusammenpassen“, sagt Jürgen Dietz von der Gerichtshilfe des Landgerichts Fulda, zu dessen Bezirk Hersfeld-Rotenburg gehört. Horst Höck, für die Bewährungshilfe im Altkreis Rotenburg zuständig, bestätigt, dass es besonders in kleinen Kommunen schwierig ist, entsprechende Stellen zu finden. Gerichtshilfe und Bewährungshilfe waren früher getrennt und sind zum Sozialen Dienst zusammengeführt worden.

Zwischen 120 und 160 Menschen arbeiten jährlich im Landkreis ihre Geldstrafen oder Bewährungsauflagen ab. 40 bis 60 von ihnen kommen aus dem Altkreis Rotenburg. Jeder Betroffene muss – je nach Strafmaß – zwischen 50 und 300 oder mehr Arbeitsstunden leisten. Ein Tagessatz bedeutet dabei – unabhängig von der Höhe in Euro – sechs Arbeitsstunden. Zusätzliche Kandidaten kommen aus dem Jugendstrafbereich. Sie werden von der Jugendhilfe des Landkreises ebenfalls in den Stellenpool vermittelt. Die Bewährungshelfer bemühen sich um wohnortnahe Einsatzstellen, weil Betroffene weder Geld für Fahrkarten noch Führerschein oder gar Auto haben.

Die Arbeitsstunden müssen im gemeinnützigen Bereich abgearbeitet werden. Infrage kommen Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft wie Bauhöfe, Altenheime, Kindertagesstätten und Schulen sowie gemeinnützige oder kirchliche Einrichtungen. Gearbeitet wird etwa in Großküchen, oder an Baustellen.

Chance für die Betroffenen

Arbeiten statt Strafe zu zahlen oder gar ins Gefängnis zu gehen – das ist eine Alternative, die nicht nur gesellschaftliche Vorteile birgt, sondern auch eine Chance für die Betroffenen sein kann: „Das kann ein Tor in eine geregelte Tätigkeit sein“, sagt Jürgen Dietz von den Sozialen Diensten der Justiz. Wer seine Tagessätze abarbeite, lerne häufig erst wieder, seinem Tag Struktur zu geben. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen, körperliche Leistungsfähigkeit – manchen „Kunden“ sei dies abhandengekommen oder er habe es nie trainiert. So mancher genieße es, nun regelmäßig seiner Aufgabe nachkommen zu können. Manchmal mündeten die gemeinnützigen Arbeitsstunden in ein festes Arbeitsverhältnis. Bei der vom Zweckverband der Diakonie betriebenen „Tafel“ arbeiteten manchmal auch Frauen und Männer ehrenamtlich weiter, weil sie sich als Teil des Teams sähen, ergänzt Bewährungshelfer Horst Höck. 

Natürlich gibt es nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch schwierige Fälle – das weiß man auch bei den Einsatzstellen. Sie müssen Zeit und Mühe investieren, wenn sie Menschen einarbeiten und betreuen, die gemeinnützige Arbeitsstunden ableisten müssen. Wenn dann einer richtig Probleme macht, können Einsatzstellen abspringen, wissen die Bewährungshelfer. Auch deshalb versuchen sie, eine passende Stelle für die Betroffenen zu finden und brauchen ein entsprechend großes Angebot. Tanja Hartdegen vom Verein Förderung der Bewährungshilfe in Hessen weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass Resozialisierung von Straftätern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, der sich gerade öffentlichen Einrichtungen nicht entziehen sollten. Kostengünstiger sei Resozialisierung allemal. 

Hartdegen arbeitet beim Projekt Auftrag ohne Antrag mit. Das heißt, sie wird eingeschaltet, wenn ein Verurteilter weder zahlt, noch arbeiten will und sogar die Ladung zum zwangläufig folgenden Haftantritt ignoriert. Vor der Ausstellung des Haftbefehls versucht sie noch einmal, Kontakt zum Verurteilten aufzunehmen, um seine Lebenssituation zu erforschen und zu prüfen, ob er nicht doch in der Lage ist, gemeinnützig zu arbeiten. Hartdegen kann dann in eine Einsatzstelle vermitteln oder auch eine Ratenzahlung vereinbaren. Gegebenenfalls werden auch andere Hilfseinrichtungen wie Sucht- oder Schuldenberatungsstellen eingeschaltet. 

Möglichkeiten für Ehrenamtliche

Die Juristin Hartdegen erhält jährlich rund 100 Aufträge dieser Art. Allein in diesem Jahr hat sie bereits Aufträge für die Verhinderung von 4155 Tagessätzen bekommen. 

Im Bereich der allgemeinenen Bewährungshilfe stehen den hauptamtlichen Bewährungshelfern im Kreis fünf Ehrenamtliche zur Seite. Sie geben zum Beispiel Nachhilfeunterricht, damit jene, die schon auffällig geworden waren, eine Ausbildung erfolgreich absolvieren. Die Unterstützung kann aber auch in anderen Bereichen liegen. Die Hauptamtlichen würden sich über weitere ehrenamtliche Helfer freuen. Für die Mitarbeit im Projekt „Ehrenamtliche Mitarbeit in der Bewährungshilfe“ ist keine besondere Qualifikation nötig, es gibt auch keine Altersbeschränkung. „Wichtig ist, dass die Helfer mit beiden Beinen fest im Leben stehen“, sagt Hartdegen. 

Kontakt: Wer sich für die ehrenamtliche Bewährungshilfe interessiert, kann sich unter Telefon 0661/ 24 27 75 112 melden oder per E-Mail: ehrenamt.fulda@fbh.ev.de. 

Einsatzstellen kann man bei den Sozialen Diensten der Justiz melden unter Telefon 0661/24 27 75 0 oder unter 06621/203 315.

Hintergrund

Wer seine Strafe nicht bezahlen kann, aber auch nicht abarbeiten will, muss stattdessen ins Gefängnis. Dabei gilt die Regel, ein nicht geleisteter Tagessatz bedeutet einen Tag Haft. Jeder Tag im Gefängnis kostet den Steuerzahler allerdings zwischen 100 und 130 Euro – also ein doppelter Verlust: Der Straffällige gibt nicht nur der Gesellschaft nichts zurück, sondern kostet auch noch zusätzlich Geld. Auch deshalb ist eine ausreichende Zahl passender Einsatzstellen wichtig. 2017 wurden im Bezirk des Landgerichts Fulda von 31 Personen 1416 Tagessätze vollständig getilgt, weitere 31 Menschen konnten 514 Tagessätze wenigstens teilweise tilgen. In diesem Jahr sind schon 745 Tagessätze von 15 Personen vollständig getilgt worden, weitere 450 Tagessätze wurden von 30 Menschen bislang teilweise getilgt. (sis)

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