Montagsinterview

„Solidarität kommt vor Technik“ sagt Waldemar Dombrowski, Chef der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda

Ein Schild der Arbeitsagentur am Eingang.
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Symbolbild: Ein Schild der Arbeitsagentur am Eingang.

Die Bewältigung der Corona-Pandemie hat auch die Arbeitsagentur vor neue, große Herausforderungen gestellt. Wie sie gemeistert wurden, darüber sprach Kai A. Struthoff mit Waldemar Dombrowski, dem Geschäftsführer der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg – Die Arbeitsagentur war ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt bei den Corona-Hilfen, vor allem im Bereich der Kurzarbeit. Wie sind Sie organisatorisch damit umgegangen‘?

Zunächst haben wir, wie alle anderen Unternehmen, ein Hygienekonzept erstellt, denn der Gesundheitsschutz geht vor. Daneben haben wir klare Prioritäten gesetzt und festgelegt, was gemacht werden muss, aber auch, was im bisherigen Umfang nicht mehr leistbar ist. Außerdem haben wir die Kommunikation angepasst, primär zur telefonischen und digitalen Beratung und erst nachrangig das persönliche Gespräch.

Fehlt nicht dieser persönliche Kontakt, es geht doch schließlich oft um menschliche Schicksale?

Natürlich fehlt dieser Kontakt. Viele Kolleginnen und Kollegen hatten aber ein Aha-Erlebnis, denn telefonisch funktioniert doch eine ganze Menge. Außerdem bieten wir seit November die Videoberatung an – speziell für junge Menschen etwa bei der Berufsberatung. Dieses Format wird gut angenommen, und man bekommt auf die Art einen persönlichen Eindruck. Sind persönliche Gespräche vor Ort notwendig, führen wir diese in speziell ausgestatteten Räumen.

Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda.

Während viele Arbeitnehmer zur Untätigkeit verurteilt waren, hatte die Arbeitsagentur plötzlich sehr viel mehr zu tun. Wie wurde das bewältigt?

Wenn ich meinen noch nicht vorhandenen Enkeln später einmal vom Freitag, dem 13. erzählen sollte, wird das der 13. März 2020 sein. Damals wurde der erste Lockdown beschlossen. An diesem Tag standen die Telefone nicht still, und die Hotline glühte. Es begann die Welle der Anfragen bezüglich Kurzarbeit, aber auch wegen möglicher Entlassungen. Wir haben schnell gemerkt, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie das Ausmaß der Finanzkrise deutlich übertreffen werden.

Was heißt das konkret?

Allein im März 2020 gingen in unserem Agenturbezirk von 1.662 Betrieben Kurzarbeitsanzeigen ein, die sich auf 26 081 Mitarbeiter bezogen. Zum Vergleich: Im März 2019 haben fünf Betriebe für 44 Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt. Das macht den explosionsartigen Anstieg der Anträge in der Pandemie deutlich. Aber um es klar zu sagen, mit dem Instrument der Kurzarbeit sichern wir Beschäftigung in außergewöhnlicher Zeit. Damit verhindern wir eine schnell wachsende Massenarbeitslosigkeit mit fatalen Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und den Einzelnen.

Gerade viele kleinere Betriebe haben die Beantragung des Kurzarbeitergeldes als echte Herausforderung empfunden. Geht es nicht auch etwas weniger bürokratisch?

Wir müssen den Kompromiss finden zwischen möglichst einfacher Antragstellung und der gebotenen Rechtssicherheit. Es geht schließlich um das Geld unserer Beitragszahlenden. Hinzu kommt, dass beispielsweise die Höhe des Kurzarbeitergeldes sich unter bestimmten Umständen geändert hat. Deshalb hat unser Arbeitgeberservice sein Hauptaugenmerk auf die Beratung gelegt. Leider gibt es aber bundesweit schwarze Schafe, die das Instrument der Kurzarbeit zu missbrauchen versuchen.

Kann man das denn überhaupt kontrollieren?

Es gibt bestimmte Kennziffern, Indikatoren und Konstellationen, anhand derer man die Angaben überprüfen kann. Das ist zwar aufwändig, aber wir tun das sehr genau.

Andererseits gibt es auch Klagen, dass Hilfsgelder sehr spät oder gar nicht ankommen?

Das ist in Bezug auf einige staatliche Hilfsprogramme zu hören, es gilt aber nicht für das Kurzarbeitergeld. Wenn die Anträge vollständig vorlagen, wurde zeitnah überwiesen. In den Kalenderwochen 48 bis 50 hatten wir beispielsweise eine Bearbeitungszeit von sechs bis acht Tagen. Darauf hätte ich selbst im Vorfeld nicht gewettet. Wir schaffen das nur, weil wir das Kurzarbeiterteam, das nordhessenweit arbeitet, mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus anderen Bereichen unterstützen (aktuell 28).

Trotzdem bekommen die Mitarbeiter der Arbeitsagentur vermutlich auch manchen Unmut ab, oder?

Das kann ich gerade in dieser Krise nicht bestätigen. Im Gegenteil: Gerade am Anfang der Pandemie waren die Menschen geradezu dankbar für Unterstützung und Beratung - zumal wir uns zuweilen proaktiv gemeldet haben. Vielleicht war die Erwartungshaltung nicht so hoch, jedenfalls waren die Reaktionen sehr positiv. Wir dokumentieren das systematisch, aber die negativen Rückmeldungen machen nur ein Bruchteil dessen aus, was wir in den Vorjahren registriert haben. Allerdings hat sich der regionale Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Regionen gut behauptet.

Schon vor Corona stand die Region sehr gut da, sodass man sich fragte, ob wir überhaupt noch eine Arbeitsagentur brauchen?

Die Arbeitsagentur hat auch in Zeiten niedriger Arbeitslosigkeit ihre gesetzlichen Aufgaben. Im Jahr 2019 haben sich trotz niedriger Arbeitslosigkeit fast 13 500 Menschen bei uns erstmals oder erneut arbeitslos gemeldet. Zugleich konnte in etwa die gleiche Anzahl in den Arbeitsmarkt integriert werden. Außerdem gibt es Sorgenkinder auf dem Ausbildungsmarkt, zum Beispiel Betriebe, die händeringend Nachwuchskräfte suchen. Unser Aufgabenspektrum ist grundsätzlich gleich geblieben, wobei zurzeit die Existenzsicherung ganz besondere Priorität hat. Außerdem bearbeiten wir das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“, um das Angebot an Ausbildungsstellen in dieser unsicheren Zeit aufrechtzuerhalten. Ich bin froh, dass ich eine tief in der Region verwurzelte, engagierte Mannschaft habe, die voll mitzieht und bei der Arbeitszeit flexibel auf die aktuellen Herausforderungen reagiert.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Krise?

Die IT und ein gutes Digitalisierungsniveau sind immens wichtig. Aber es geht nichts über die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit und Solidarität der Menschen sowie Institutionen. Gerade jetzt –- in dieser Krise ohne Muster – gilt es noch mehr miteinander zu sprechen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

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