Bad Hersfelder Festspiele

"Shakespeare in Love": Die wahre Liebe und das ganze Theater

Slapstick-Gefecht in „Shakespeare in Love“ mit (von links) Christian Schmidt, Andrés Mendez und Natalja Joselewitsch in ihrer Hosenrolle als Thomas Kent.

Bad Hersfeld. Als deutsche Erstaufführung ging jetzt die Komödie "Shakespeare in Love" als dritte Premiere der Bad Hersfelder Festspiele über die Bühne der Stiftsruine.

„Lasst Euch das Theatergeschäft erklären. Der natürliche Zustand besteht aus unüberwindbaren Hindernissen auf dem Weg in die drohende Katastrophe. Aber am Ende klappt es immer.“ Ein Mysterium, wie der stets um Stücke und Geld verlegene Henslowe, der Chef des Londoner Rose Theatre, in der spritzigen Komödie „Shakespeare in Love“ sinniert, die am Freitag ihre Premiere bei den Bad Hersfelder Festspielen feierte.

Zum ersten Mal in Deutschland: "Shakespeare in Love"

Das zweite Mysterium des Bühnenstücks, das nach dem gleichnamigen und gleich siebenfach Oscar-prämierten Film von 1998 entstand, ist die Suche nach der wahren Natur der Liebe. Und so wie sich in Antoine Uitdehaags opulenter Inszenierung am Ende alles fügt und alles klappt, so entsteht beim Spiel im Spiel mit „Romeo und Julia“ das Liebesdrama schlechthin.

Dass es geschlagene 20 Jahre dauerte, bis es dieser Stoff von der Leinwand auf eine deutsche Theaterbühne schaffte - auch das ein Mysterium. „Shakespeare in Love“ ist in der Bearbeitung der Vorlage von Marc Norman und Tom Stoppard durch Lee Hall eine unwiderstehliche Melange von klamaukhafter Komödie, anrührender Tragödie und ganz viel dazwischen. Regisseur Uitdehaag hat dabei sehr genau darauf geachtet, die Balance zu halten: Er gibt dem Affen hemmungslos Zucker, wenn Shakespeare und Marlowe im Duett dichten oder die Theatertruppe Klaus Figges Fecht-Choreografien mit begeisternder Rasanz und Slapstick-Einlagen umsetzt. Wenn sich im nächsten Moment der Fokus alleine auf Shakespeare und seine Angebetete Viola de Lesseps richtet, die die Unmöglichkeit ihrer Liebe realisieren, dann entsteht trotz des Tempo- und Stimmungswechsels kein Bruch. So wie man vorher schallend gelacht hat, so leidet man nun mit und wischt sich nun verlegen ein Tränchen aus dem Augenwinkel. Das Mysterium Theater eben.

Slapstick-Gefecht in „Shakespeare in Love“ mit (von links) Christian Schmidt, Andrés Mendez und Natalja Joselewitsch in ihrer Hosenrolle als Thomas Kent.

Dass Uitdehaags Vorgaben - der Niederländer gilt als Mann, der nach einem klaren Plan inszeniert - so blendend funktionieren, liegt natürlich am wunderbaren Ensemble, das bis in die kleineren Parts ausgezeichnet besetzt ist. Allen voran Dennis Herrmann und Natalja Joselewitsch.

Herrmann spielt den Dichter aus Stratford mit entwaffnender Präsenz, einerseits jugendlich frisch und draufgängerisch, doch mit gewisser Lebensklugheit ausgerüstet. Die schöne Viola ist kein naives Mädchen mehr, sondern eine junge Frau, die weiß was sie will und die genauso weiß, was sie unter den gegebenen Umständen erreichen kann - auch in ihrer Hosenrolle als Thomas Kent. Dennis Herrmann und Natalja Joselewitsch harmonieren dabei prächtig und verstehen es, Klischees zu vermeiden.

Im Film ist es nur eine Nebenrolle, im Stück ein ganz wichtiger Part: Roland Riebeling macht aus der Figur des Schriftsteller-Kollegen Christopher Marlowe den Freund, der Shakespeare inspiriert und ihm uneigennützig zur Seite steht.

Publikumsliebling Robert Joseph Bartl spielt wunderbar den gnadenlosen Geldgeber Fennyman, der sich erst erweichen lässt, als er eine kleine Rolle bekommt. Brigitte Grothum ist im acht Kilo schweren Gewand eine kluge, sehr majestätische Königin Elizabeth, mit einem ausgeprägten Faible für Hunde

Zwei undankbare Rollen werden ebenfalls mit Bravour interpretiert: Tilo Keiner als rundum unsympathischer Lord Wessex, der es auf Viola als Frau und eine erkleckliche Mitgift abgesehen hat, und Hanns Jörg Krumpholz als selbstgerechter Hofmarschall Tilney.

Christian Schmidt (Ned Alleyn) sprüht mit Text und Degen vor Energie, Jens Schäfer (Henslowe) und Uwe Dag Berlin (Burbage) geben den beiden Theaterbetreibern markantes Profil, und Ginger, der Border-Collie, gehorcht nur seiner Trainerin Gabi Ruß.

Und damit sind noch längst nicht alle erwähnt, die sich hier in die Herzen des Publikums spielen wie etwa Martin Semmelrogge (Wabash) und Bettina Hauenschild (Amme). Rund 20 Schauspieler und 30 Statisten sorgen für Betrieb auf der Bühne, schließlich gilt es in der multifunktionalen Ausstattung von Jens Kilian auch mal ein Theater zu füllen. Üppig, bunt und abwechslungsreich auch die Kostüme von Erika Landertinger.

Am Premierenabend stand unverhofft Intendant Joern Hinkel auf der Bühne: Er sprang für den erkrankten Peter Englert ein. Mit solchen Hilfsdiensten hat Hinkel bereits Erfahrung: Im vergangenen Jahr hatte er bei „Luther“ für den gefeuerten Paulus Manker dessen Part als Vater des Reformators übernommen. Keine Überraschung hingegen und bei den Festspielen mit Sicherheit kein Mysterium: Es gab kräftigen Applaus, Jubel und minutenlang stehende Ovationen.

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