(LOLLS)MONTAGSINTERVIEW mit den Ex-Feuermeistern Eichenauer, Baumgardt und Roßbach

„Selbst im Krieg hat das Lullusfeuer gebrannt“

Drei Männer, die ehemaligen Feuermeister Hans-Jürgen Eichenauer, Udo Baumgardt und Udo Roßbach (von links) stehen vor der einzigen Lollsbude an dem Ort, an dem sonst das Fierche brennt.
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Bleiben im Herzen immer Feuermeister: Hans-Jürgen Eichenauer, Udo Baumgardt und Udo Roßbach (von links) an dem Ort, an dem sonst das Fierche brennt.

Am heutigen Montag, 12. Oktober, wäre in Bad Hersfeld das Lullusfest 2020 eröffnet worden – wenn nicht die Corona-Pandemie das älteste Volksfest Deutschlands verhindert hätte.

Bad Hersfeld - Seit 1927 ist der Feuermeister die Symbolfigur des Fests – wir haben die drei ehemaligen Feuermeister Hans-Jürgen Eichenauer, Udo Baumgardt und Udo Roßbach zum Gespräch gebeten.

Wie ist das eigentlich: Einmal Feuermeister, immer Feuermeister?

Udo Baumgardt: Die Idee ist 1926 durch Wilhelm Neuhaus bei der Reform des Lullusfestes geboren worden, und Hans Post war dann der erste Feuermeister, der bis in die 50er-Jahre hinein im Amt war. In den letzten Jahren hatte er als Feuerknecht Kurt Bode dabei, der das Ehrenamt anschließend übernommen hat.

Hans-Jürgen Eichenauer: Es gibt ja in dem Sinne keine feste Amtszeit. Feuermeister ist man ab der Ernennung bis man freiwillig ausscheidet oder eben bis zum Tod. Der Feuermeister ist nun mal das wesentliche Symbol, er ist und bleibt bekannt.

Udo Roßbach: Das stimmt. Zwar wissen viele den Namen nicht mehr auf Anhieb, aber man wird immer noch weiter mit „Hallo, Herr Feuermeister“ begrüßt. Gerade rund um die Lolls-Woche kommt das fast täglich vor

. Baumgardt: Der Feuermeister war als Handwerksmeister ja immer auch Geschäftsmann und als solcher bekannt.

Ein Oktober ohne Lolls – war das bisher überhaupt denkbar?

Alle wie im Chor: Nein, nie!

Eichenauer: Das war zu keiner Zeit vorstellbar. Selbst im Krieg hat das Feuer gebrannt, wenn auch mit abgedecktem Feuerschein.

Roßbach: Da hängt schon viel dran, das Feuer ist Tradition und Treffpunkt. Auch meine Familie, die seit 1446 ansässig ist, ist seit Generationen lollsverrückt und kam früher von überall her angereist. Gerade habe ich eine Einladung zum „Sippen-Treffen“ von 1953 gefunden (er zeigt die Karte).

Was halten Sie denn vom Alternativkonzept mit dem alternativen Feuer auf dem Kirchturm?

(Alle stöhnen und schauen sich an)

Eichenauer (winkt ab): Das ist nicht druckreif.

Roßbach: Das mag sicher schön aussehen, ersetzt die Tradition aber in keiner Weise.

Baumgardt: Wir müssen nun damit zurechtkommen, aber in unserem Inneren sieht es ganz anders aus.

Roßbach: Vielleicht hätte man eine andere Lösung an Ort und Stelle finden können, zum Beispiel mit dem Feuer auf einem Podest, wo man das Feuer auch von Weitem hätte sehen können.

Baumgardt: Ich hätte mir mehr Kommunikation mit der Bevölkerung gewünscht.

Eichenauer: Die Bürger sind doch eigentlich sehr vernünftig, wenn man sich die Schlangen so anschaut. Eine Lösung mit Absperrungen oder so wäre sicher möglich gewesen. Eine solche Entscheidung ist aber natürlich schwer zu treffen, das muss man den Verantwortlichen zugestehen.

Baumgardt: Es tut einem weh!

Wie hat sich das Lullusfest in den letzten Jahrzehnten verändert?

Baumgardt (lacht und überlegt): Es ist wohl wie überall .... Aber ich bin der Meinung, wenn man schon das älteste Volksfest hat, sollte man das Alte und Gute irgendwie behalten, damit auch die nachfolgenden Generationen wissen, wie es einst gewesen ist. Da hat sich meines Erachtens doch viel verändert.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Eichenauer: Ach, so viel hat sich an sich nicht verändert. Die Auswüchse am Lollsmontag etwa mit den Scherben, die gab es auch zu meiner Zeit schon, das ist 30 Jahre her.

Roßbach: Es gab und gibt eben immer ein paar, die aus der Reihe tanzen – leider.

Mancher klagt über die Kommerzialisierung, den Müll, den Alkoholgenuss ...

Baumgardt: Das ist etwas mehr geworden, aber in den letzten Jahren hat man das gut in den Griff bekommen, und die Hauptsache ist doch, dass es friedlich bleibt.

Eichenauer: Dass der eine oder andere nach dem Genuss von Alkohol ausrastet, das gab es auch früher schon, und das hat ja auch nichts mit Bad Hersfeld zu tun.

Baumgardt: Es heißt Volksfest, da müssen alle mitmachen und dafür sorgen, dass es sauber und ordentlich bleibt

. Eichenauer: Das ist doch auch der Fall.

Das Feuermeisteramt soll auch eine Verbindung zum heimischen Handwerk schaffen. Was hat das Handwerk überhaupt (noch) mit dem Lullusfest zu tun?

(Alle schauen sich an) Roßbach zu Eichenauer: Ja, Herr Obermeister ....

Baumgardt: Das Handwerk war früher eine große Stütze im ganzen Land und dann kam man eben auf die Idee, das Handwerk sozusagen mit den Stadtobersten zusammenzubringen. Dafür brauchte man eine Person, die dafür steht, und das sollte der Feuermeister werden.

Eichenauer: Das Feuer gab es ja immer schon. Als Wilhelm Neuhaus dann um 1926 das Fest reformiert hat, wurde auch der Feuermeister ernannt, der ein Handwerksmeister mit Hersfelder Wurzeln sein sollte, und der erste, der damals in Frage kam, war eben Schneidermeister Hans Post. Heute hat das Handwerk vielleicht nicht mehr ganz so die Rolle wie früher.

Baumgardt: Aber auch heute noch wird das Handwerk zuerst gefragt, es hat das Vorschlagsrecht.

Eichenauer: Es ist nur leider nicht ganz einfach, jemanden zu finden, denn das Ehrenamt und die Betriebsführung unter einen Hut zu bekommen, ist kaum möglich, das ging auch mir so.

Der erste Feuermeister: Hans Post. Auf ihn folgten Kurt Bode (rechts), Hans-Jürgen Eichenauer, Udo Baumgardt und Udo Roßbach. 2013 übernahm Klaus Otto.

Der Feuermeister muss innerhalb der Stadtmauern geboren und Handwerksmeister sein, da wird es schon jetzt schwierig. Wie wäre es da mal mit einer Feuermeisterin?

(Alle lachen) Baumgardt: Das Thema ist uns bekannt, und wir werden oft danach gefragt.

Eichenauer: Da hat heutzutage sicher niemand mehr etwas dagegen.

Baumgardt: Zumal wir unter den weiblichen Lehrlingen durchaus welche haben, die dafür prädestiniert wären.

Eichenauer: Es gibt doch heute auch vermehrt weibliche Meisterinnen.

Baumgardt: Man muss es schlicht schaffen und dann auch den Mut haben, um zu sagen, es geht nicht mehr.

Eichenauer: Man ist ja nicht nur in der Lolls-Woche viel unterwegs, sondern hat das ganze Jahr über damit zu tun.

Roßbach: Oh ja. Ich habe im Amt fast ganz Europa bereist, ich war nicht nur in den Partnerstädten und auf dem Schnellboot Zobel, ich war in Südtirol eingeladen und auf dem ältesten Luxemburger Volksfest Schueberfouer. Ich kann gar nicht alles aufzählen. Wahnsinn, was man alles so erlebt hat.

Baumgardt: Das war schon schön.

Roßbach: Die ganze Familie muss dahinter stehen, und entweder man ist mit dem ganzen Herzen dabei oder man lässt es. (Es entwickelt sich ein ausführliches Gespräch darüber, wie jeder zu seinem Amt gekommen ist)

Eichenauer: Also ich kam ganz überraschend dazu. Das wurde auf dem 60. Geburtstag meines Vaters ausgemacht und mir dann sozusagen aufgetragen. Darauf kann man nicht hinarbeiten.

Baumgardt: „Und du machst das jetzt!“, hat unser Obermeister damals gesagt ... da habe ich mich erst mal geschüttelt, dann wird die Familie zusammengerufen.

Rossbach: Ich habe nach einer Familienratssitzung und einer schlaflosen Nacht zugesagt.

Was macht für Sie diese Faszination von Lolls aus?

Eichenauer: Das Besondere ist die enge Bindung der Bürger und der Stadt zu ihrem Fest, alle stehen dahinter. Es ist mitten in der Stadt und hat eine lange Historie. Da ist man schon ein bisschen stolz drauf.

Roßbach: Das fängt doch im Kinderwagen schon an. Man bekommt so viele Anfragen von Kindergärten und Schulen. Da sind alle Hersfelder eben ein bisschen verrückt. Ich kann mich an eine Busfahrt nach Tschechien erinnern, da sind unterwegs alle aus dem Bus gesprungen und haben sämtliche Kastanien im Umkreis aufgesammelt.

Baumgardt: Ich hebe sie heute noch auf.

Welches Lolls-Erlebnis ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Roßbach: Da gibt es ganz viele!

Baumgardt: Es war eine tolle Zeit, da erinnert man sich gerne dran. Für mich war wohl das größte Erlebnis der Moment, in dem mir Hans-Jürgen in der Stiftsruine den Fackelhalter übergeben hat. Vor der ersten Rede am Feuer hat man dann natürlich ein bisschen gezittert. Was ich auch nicht vergessen werde – als Bürgermeister Boehmer zu mir sagte: „Während dieser Zeit haben Sie das Sagen.“

Eichenauer: Das ist wie beim Karneval, wo der Rathausschlüssel abgegeben wird.

Roßbach: Ich möchte keine Minute missen. Für meine erste Rede habe ich tagelang alte Zeitungen gewälzt.

Baumgardt (lacht): Für mich hat meine Mutter alle Artikel gesammelt mit Themen, die interessant sein könnten.

Eichenauer: Man darf in seiner Rede am Fierche durchaus Kritik äußern, sollte jedoch niemanden beleidigen. Wobei es doch eher so war, dass die beleidigt waren, die nicht berücksichtigt wurden.

Wenn Sie einen Wunsch für das Lullusfest 2021 frei hätten, welcher wäre das?

Baumgardt: Oha, wir hätten einen, aber den äußern wir nicht .... (alle lachen)

Roßbach: Erst mal, dass wir alle gesund bleiben und wir uns alle wiedersehen. Eichenauer: Dass wir Grund zum Feiern haben und dass es ein friedliches Fest wird.

Baumgardt: 2021 wohne ich wieder mitten in der Stadt, darauf freue ich mich.

Roßbach: Ich habe in meinem Leben nur zwei Lullusfeste verpasst. Einmal war ich im Urlaub, den ich aber schon am zweiten Tag abgebrochen habe. Und vor zwei Jahren war ich schwer erkrankt, da habe ich im Krankenhaus mit Wehmut an das Fest gedacht. Heute bin ich froh, dass ich überhaupt hier bin.

Eichenauer: Das Lullusfest ist ein traditioneller Treffpunkt für alle Hersfelder und die, die weggezogen sind. Und so wird es auch bleiben.

Wie verbringen Sie nun den Lollsmontag?

Roßbach: Um 12 Uhr läutet die innere Glocke.

Baumgardt: Tja, im privaten Rahmen.

Eichenauer: Getreu dem Motto 2020 „Lolls im Herzen, wir feiern zu Hause“. (Nadine Maaz)

Zur Person:

Hans-Jürgen Eichenauer (76), der von 1978 bis 1990 Feuermeister war, hatte seinen Beruf im elterlichen Betrieb für Elektro, Sanitär und Heizung gelernt, den er Mitte der 80er-Jahre übernommen und vor drei Jahren aus Altersgründen aufgegeben hat. Er ist studierter Elektroingenieur und hat einen Meister im Bereich Gas-/Wasserinstallation. Einige Jahre war er Innungsobermeister. Der 76-Jährige ist geschieden, aber seit über 20 Jahren wieder fest liiert. Er hat zwei Kinder und ist inzwischen im Lullusfest-Verein engagiert.

Udo Baumgardt (79) war von 1991 bis 2000 Feuermeister. Die Fleischer-Ausbildung hat er in der ehemaligen Fleischerei Dippel und Raacke absolviert, 1965 legte er die Meisterprüfung ab und 1981 übernahm er den Betrieb. Später war er in Rosenheim (Bayern) beschäftigt. Nach Rentenbeginn kehrte er nach Bad Hersfeld zurück. Baumgardt hat zwei Kinder, er ist verwitwet und hat eine neue Partnerin. „Ich bin ein Rentner, der Zeit hat“, sagt er heute selbst.

Udo Roßbach (63), Feuermeister von 2001 bis 2012, ist Gas-/Wasserinstallateur und hat einst ebenfalls im elterlichen Betrieb gelernt. Nach der Meisterprüfung 1980 war er eine Zeit lang selbstständig und bei verschiedenen Firmen beschäftigt. Zuletzt war er im Bereich berufliche Bildung tätig, seit vergangenem Jahr ist er in Rente. Roßbach hat zwei Kinder, ist geschieden, aber ebenfalls neu vergeben. Seit 1971 ist in der Feuerwehr.

Seit wird 852 gefeiert

Das Lullusfest gilt als ältestes Volksfest Deutschlands. Es erinnert an den Gründer Bad Hersfelds und Bonifatius-Schüler Erzbischof Lull (710 bis 786). Erstmals wurde es 852 gefeiert. Seitdem findet das Volksfest in der Woche statt, in die der Todestag des „Heiligen Lullus“ (16. Oktober) fällt. Das feierliche Anzünden des Lullusfeuers auf dem Marktplatz geht auf einen mittelalterlichen Brauch zurück. Das „Fierche“ war Symbol für die „Lullusfreiheit“, die Befreiung von den gemeindlichen Abgaben für die Dauer des Festes. Als einziges Volksfest beginnt es montags. Quelle: Lullusfest.de

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