Diskussion im Unterricht

Schüler im Landkreis Hersfeld-Rotenburg finden Umweltaktivistin Greta Thunberg gut

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Diskutieren im Unterricht über die „Fridays for Future“-Proteste: von links Lea Holstein, Maxi Weyh, Jakob Hellstern, Nikos Orth, Adrian Leitner und Evelyn Rain mit Lehrerin Christiane Lindner.

Die Hartnäckigkeit der Schwedin Greta Thunberg, die jeden Freitag die Schule schwänzt und für Klimaschutz demonstriert, finden Schüler auch im Keis Hersfeld-Rotenburg gut.

Die Diskussion ist heute besonders lebendig: Die Schüler des Politik-Kurses der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule reden über das Für und Wider der Klimaschutz-Proteste, die Gleichaltrige in ganz Europa auf die Straße bringen. An der Spitze steht die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. Der Respekt für sie ist groß unter den künftigen Abiturienten.

Lehrerin Christiane Lindner beginnt ihre Stunden im Fach Politik und Wirtschaft regelmäßig mit einem „aktuellen Teil“, in dem die Schüler thematisieren können, was ihnen in den Nachrichten besonders aufgefallen ist. Zu der Protestbewegung, für die junge Leute auch in Deutschland freitags die Schule schwänzen, hat fast jeder im Kurs der Q2 (11. Klasse) etwas zu sagen.

Aktivistin Greta Thunberg. Foto: Gian Ehrenzeller/dpa

In der öffentlichen Debatte gibt es durchaus kontroverse Meinungen zu den schwänzenden und demonstrierenden Jugendlichen – und genau das finden die Rotenburger Schüler gut. „Dieser Protest kann vielleicht eine besonders große Wirkung entfalten, weil besonders viel drüber gesprochen wird“, sagt ein Junge. Auf die Frage hin, wer die Aktivitäten von Greta Thunberg und ihren Mitstreitern gut findet, hebt die gesamte Klasse die Hand. Wieso demonstrieren die jungen Leute dann nicht selbst?

Null Punkte auf verpasste Klausuren

„Das Schulamt hat gesagt, dass verpasste Klausuren zu einer Bewertung von null Punkten führen“, sagt eine Schülerin. Außerdem hat sie Bedenken, sich durch die unentschuldigten Fehlstunden im späteren Berufsleben Chancen zu verbauen. Wenn eine Demonstration in Rotenburg organisiert würde, wären viele aber mit dabei, sagen die Jungen und Mädchen. „Ich habe mich auch gefragt, warum bei uns bisher niemand demonstriert hat. Ich denke, das liegt daran, dass die Welt bei uns im ländlichen Raum noch in Ordnung ist“, sagt Christiane Lindner, die als Lehrerin in Rotenburg ebenso weit von überschrittenen Grenzwerten und Fahrverboten weg ist wie ihre Schüler.

Wenn diese doch einmal für eine Demo die Schule schwänzen würden, wäre sie in einem gewissen Maße kooperativ. „Wenn es eine einmalige Aktion ist, die vorher abgesprochen ist, könnte man darüber reden, nicht sofort einen unentschuldigten Fehltag einzutragen. Es muss aber klar sein, dass es ums Demonstrieren und nicht ums Schwänzen geht.“

Auch wenn die Schüler noch nicht selbst auf der Straße waren: Der Klimawandel beschäftigt sie. Und sie fühlen sich verantwortlich. „Ich habe ein Auto, fahre aber trotzdem fast immer mit dem Bus zur Schule“, sagt eine Schülerin. Öffentlicher Personennahverkehr sollte attraktiver und möglichst sogar kostenlos sein, damit weniger Menschen Auto fahren, sagt ein Mitschüler. Ein anderer regt sich darüber auf, dass viele Produkte tausende von Kilometern transportiert werden müssen, bevor sie dann in Deutschland im Geschäft landen. Er plädiert dafür, verstärkt regionale Produkte zu kaufen.

An dieses Argument schließen die Schüler auch an, als sie auf Diesel-Fahrverbote zu sprechen kommen. „Die finde ich ungerecht. Warum sollen die Verbraucher dafür geradestehen, was große Konzerne verbrochen haben?“, fragt eine Schülerin. Und ohnehin seien Schiffe und Flugzeuge insgesamt viel klimaschädlicher als Autos, sagt ein Junge. Also: Regional einkaufen, weniger Emissionen durch Transport, lautet auch sein Credo.

„Wir sind alle gemeinsam dafür verantwortlich, dass unsere Kinder die Natur später noch genauso erleben können wie wir“, sagt eine Schülerin.

Auch an den anderen Oberstufenschulen im Kreis finden Jugendliche die Aktion von Greta Thunberg gut und würden sich auch an Demos beteiligen - wenn sie denn jemand organisieren würde. (Text unten)

VON MARCEL MÜLLER UND CHRISTOPHER ZIERMANN

Hintergrund

Die Umweltbewegung von Greta Thunberg

Greta Thunberg ist eine 16-jährige Klimaschutzaktivistin aus Schweden. Laut eigener Aussage beschäftigt sich die Schülerin seit ihrem achten Lebensjahr mit dem Klimawandel. Seitdem ernährt sie sich vegan und verzichtet auf Flugreisen. Als einen der Gründe für ihr ehrgeiziges Engagement nennt Thunberg das bei ihr diagnostizierte Asperger-Syndrom, das helfe, die Welt realistischer zu sehen. Internationale Berühmtheit erlangte die Aktivistin durch die von ihr ins Leben gerufene Bewegung „Fridays for Future“. Seit August 2018 schwänzt sie jeden Freitag die Schule, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Ihr selbsterklärtes Ziel ist es, solange weiter zu streiken, bis das Land Schweden seine jährlichen Treibhausgasemissionen um 15 Prozent senkt. Mit ihrem Anliegen ist sie bereits bei der UN-Klimakonferenz 2018 in Katowice und beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 aufgetreten. Mittlerweile hat sich ihre Protestbewegung auf ganz Europa ausgeweitet und findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. So nahmen am vergangenen Freitag rund 3500 Menschen an einer „Fridays for Future“-Demo in Hamburg teil, auf der Thunberg persönlich auftrat. Auch in Kassel wurde schon protestiert. (lel/mmx)

Schulleiter bremsen: „Aber bitte außerhalb der Unterrichtszeit“

Der Klimaschutz beschäftigt auch die Jugendlichen in anderen Schulen des Landkreises. Zwar sind im Kreis Hersfeld-Rotenburg nach aktuellem Stand keine Demonstrationen geplant, aber die Unterstützung für Greta Thunberg ist groß.

 An der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld sagen mehrere Schüler unserer Zeitung, dass sie an einer „Fridays for Future“-Demo teilnehmen würden, wenn es eine in Bad Hersfeld gäbe. „Die Natur gibt uns Menschen langfristig das zurück, was wir ihr angetan haben“, sagt eine Schülerin. Die Menschheit solle deutlich umsichtiger mit der Erde umgehen. Um Umwelt und Klima besser zu schützen, sagt eine andere Schülerin, versuche sie ganz ohne Plastikflaschen auszukommen und stattdessen Glasflaschen zu benutzen. 

Die befragten Schüler des Beruflichen Gymnasiums Bebra sind ähnlicher Meinung. „Die Politik ist in der Pflicht, Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels zu ergreifen – zum Beispiel durch einen früheren Kohleausstieg“, findet eine Abiturientin. Als Möglichkeit, einen persönlichen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu leisten, nennt ein anderer Schüler den Tag der Heimatpflege.

 Ebenso wichtig ist das Thema den Schülern an der Werratalschule Heringen. Der Klimaschutz gehe besonders die junge Generation an, meint eine Abiturientin. „Wir müssen in den nächsten Jahrzehnten noch auf dieser Welt leben.“ Das Mädchen wünscht sich für die Zukunft ein stärkeres Engagement von jungen Menschen. Eine andere Schülerin geht noch weiter und fordert, einen Schritt zurückzugehen. „Das Konsumverhalten der Menschen war vor 50 oder 60 Jahren viel umweltverträglicher als heute“, sagt sie. 

Zurückhaltender reagieren die Schulleiter. „Ich befürworte es generell, wenn man von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch macht“, sagt der Direktor der Werratalschule Heringen, Michael Arendt. „Das soll aber bitte außerhalb der Unterrichtszeit geschehen."

Von Marcel Müller

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