Interview mit ehemaligem HZ-Redakteur

Reporter der Grenzöffnung: Zeigen, wie es hinter dem Zaun aussieht

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Reporter der Grenzöffnung: Heiner Paris hat die spannende Zeit der Wende als Zeitungsredakteur in Heringen miterlebt. 

Er hat Wende und Mauerfall aus nächster Nähe erlebt: Heiner Paris, ehemaliger Redakteur der Hersfelder Zeitung im Werratal. Im Interview erinnert er sich an unvergessliche Tage.

Herr Paris, wie haben Sie die Arbeit in den Grenzgemeinden Heringen, Philippsthal und Hohenroda empfunden?

Das war anfangs eine Arbeit im Halbkreis, denn die andere Hälfte war durch Mauer und Stacheldraht abgesperrt. Da kam man nicht hin. Aber immer wenn viel Stress war, bin ich in Philippsthal auf den Grenzkontrollweg gefahren, um etwas herunterzukommen. Da konnte man von einer Stelle nach Vacha herunter schauen. Dort lief alles sehr ruhig und gemächlich ab, während es bei uns sehr lebhaft war. Das trifft es eigentlich am Besten.

Hat man 1989 auch dort gespürt, dass sich hinter dem Zaun etwas zusammenbraut?

Ich war damals in Sorge, als ich von den Fluchten der DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich und in die Deutsche Botschaft in Prag gehört habe. Schließlich ist ja auch der Prager Frühling niedergeschlagen worden, sodass ich befürchtet habe, dass plötzlich bei uns im Grenzgebiet Militär aufmarschiert.

Wie haben Sie dann selbst die Öffnung der Grenze erlebt?

Ich habe noch am Nachmittag in Philippsthal geschaut, ob sich was tut. Da hatte zwar ein Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung ein Plakat für die Vachaer Kirmes aufgehängt, doch ansonsten war alles wie gewohnt: An der Grenze wurde man von den Wachtposten beobachtet und fotografiert. Doch in dieser Nacht ist dann die Mauer auch hier gefallen.

Sie waren vor Ort dabei?

Ich habe an diesem Abend mit Freunden in Heringen gefeiert. Doch ich hatte eine Absprache mit dem Zoll, dass man mich anruft, wenn etwas passiert. Dieser Anruf kam dann gegen 23 Uhr. Ich wollte es zunächst nicht glauben, doch mir wurde versichert: Die fangen jetzt gleich an. Also sind wir hin. Ich hatte allerdings nur einen Film eingepackt, sodass meine Frau aus der Redaktion in Heringen Nachschub holen musste. Ich stand dann ganz vorne an der Barriere und habe einen Beamten von drüben gefragt, ob sie jetzt wirklich die Mauer abreißen wollten: Ja, hat er gesagt, wir warten nur noch auf die Technik. Bis es so weit war, haben wir uns dann unterhalten. Das war ja vorher überhaupt nicht möglich. Doch in diesem Moment haben wir uns unsere Lebensgeschichten erzählt. Als dann tatsächlich geschraubt und gehämmert wurde, kamen immer mehr Menschen dazu. Es wurde gleich mit Sekt angestoßen, das DRK sorgte für heiße Getränke, und die Gärtnerei Gast brachte Schotter, damit an den Mauerfundamenten eine Fahrbahn planiert werden konnte. Dann kamen auch gleich die ersten Trabis und Wartburgs. Als ich am frühen Morgen wieder zu Hause war, brauchte ich an Schlafen nicht zu denken. Mein Telefon stand nicht still, weil ich andauernd gefragt wurde, ob ich mitbekommen habe, dass in Philippsthal die Grenze geöffnet worden ist.

Welches Ereignis hat Sie dabei am meisten beeindruckt?

Natürlich diese Grenzöffnung, dann aber auch die in Dankmarshausen und Widdershausen, wo man anfangs nur zu Fuß rüber gehen konnte. Da wollte ich meinen Lesern zeigen, wie es hinter dem Zaun aussieht. Ich habe nach einem Taxi gefragt, aber das gab es nicht. Da kam ein Vopo (Volkspolizist, Anm. d. Red.) auf uns zu und hat gesagt: Das machen wir schon, wenn Sie in unserem Trabant mitfahren. 

Wir haben dann tatsächlich eine Tour gemacht nach Großensee über eine Straße, die links und rechts eingezäunt war. Dann ging es nach Springen und Vitzeroda, wo in einem abgeriegelten Tal im Sperrgebiet ein einsamer Hof stand. Der wurde gerade an diesem Tag verlassen, weil der Eigentümer das besonders kontrollierte Leben im Sperrbezirk satt hatte und nach Eisenach zog. In Gospenroda wurden wir dann von einer Jagdgesellschaft zum Kesselfleisch eingeladen und mussten uns die Strecke der 26 Wildschweine anschauen.

Wie haben die Menschen im Werratal auf die neuen Nachbarn reagiert?

Das war die pure Euphorie. Als ich mit Freunden ohne Passierschein in Dippach unterwegs war, haben wir in der Gaststätte halb Heringen getroffen. Ich glaube, da hatte auch kaum jemand einen Passierschein.

Diese Euphorie wurde später durch Ressentiments im Verhältnis von Ossis und Wessis getrübt. Haben Sie ein Beispiel?

Ressentiments, ich weiß nicht. Aber natürlich hat die Begeisterung nachgelassen. In Philippsthal haben sich zum Beispiel manche darüber mokiert, dass die Ossis im Freibad immer quer geschwommen sind. Diese Geschichte hat es sogar in die Bild-Zeitung geschafft. Und im Heringer Hallenbad haben die Wessis donnerstags beim Warmbadetag keinen Platz mehr bekommen, weil so viele aus Berka und Vacha gekommen sind. Das hat dann auch nicht allen gepasst.

Ihr journalistisches Einzugsgebiet war auf einmal viel größer. Was gab es aus dem Osten zu berichten?

Ich habe anfangs aus den Gemeindevertretersitzungen berichtet. Das war sehr spannend, denn es ging um neue Projekte, Bürgermeister und erste Gewerbeansiedlungen. Und bisweilen war es kurios: In Dankmarshausen hatte man für die Presse, also für mich, ein Sofa aufgestellt und nach jeder Abstimmung gefragt: Haben wir das richtig gemacht, Herr Paris? Ich habe dann gesagt, das ist jetzt alleine Eure Entscheidung. Aber ich wurde immer wieder um Rat gefragt, etwa wenn es um die Einschätzung der Seriosität von Investoren ging. Ich habe natürlich auch über schöne Ausflugsziele berichtet, denn es gab ja viel Neues zu entdecken.

Sie leben heute in Bad Hersfeld, haben aber immer noch viele Kontakte im Werratal. Ist dort zusammengewachsen, was zusammen gehört?

Ich bin mir da nicht so sicher. Denn irgendwann kam die Selbstbehauptung der thüringischen Gemeinden. Die wollten kein Anhängsel an die hessischen sein. Gerstungen hat zum Beispiel lange im Konflikt mit Kali und Salz gestanden. Gemeinsamkeiten gibt es aber. Das hat man jetzt wieder bei den Feierlichkeiten auf der Brücke der Einheit zwischen Vacha und Philippsthal gesehen.

Zur Person>: Heiner Paris

Heiner Paris (66) ist gebürtiger Hersfelder, hat 1971 das Abitur an der Alten Klosterschule bestanden und danach in Göttingen Germanistik und Politikwissenschaften auf Lehramt studiert. Dem Referendariat an Modell- und Gesamtschule Obersberg folgte eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit, ehe Paris beim Arbeitsamt als Antragsannehmer und Ermittler tätig war. 

Anschließend arbeitete er als Korrektor und freier Mitarbeiter im Sport bei der Hersfelder Zeitung. 1986 wurde er Redakteur und übernahm im Jahr darauf die Außenredaktion in Heringen. 1993 kehrte er ins Hersfelder Stammhaus zurück. Mitte 1999 wechselte er als Pressesprecher des Kreises ins Landratsamt und im August 2003 zur Volkshochschule. 2011 ging er in den Ruhestand. Heiner Paris ist leidenschaftlicher Koch und Fußball-Fan. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. 

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