Nur eine Entnahme im Kreis im Jahr 2017 – Aufklärung ist nötig

Rekordtief bei Zahl der Organspender

Hersfeld-Rotenburg. Die Zahl der Organspender ist in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Das bestätigen auch Zahlen im Kreis Hersfeld-Rotenburg. 

2017 wurde lediglich eine Organspende entnommen. Hessenweit gab es im vergangenen Jahr 65 Organspender. Demgegenüber standen etwa 700 schwerkranke Menschen, die auf ein Spendeorgan warteten, wie aus Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) hervorgeht.

Am Klinikum Bad Hersfeld gab es im vergangenen Jahr eine Organspende. 2016 wurde kein Spender registriert, 2015 und 2014 war es ebenfalls jeweils einer. Dort sind mit Dr. Martin Grapengeter, Prof. Dr. Martin Horn und Dr. Reinhard C. Funk drei Transplantationsbeauftragte tätig. Grapengeter stellt „viel Angst“ bei den Angehörigen fest, wenn es in Gesprächen um das Thema Organspende geht. Das Kreiskrankenhaus in Rotenburg zählte in den vergangenen Jahren keine potenziellen Organspender, erklärt Martin Franke, Oberarzt der Anästhesie und Transplantationsbeauftragter der Klinik. Dennoch wolle man sich für das Thema einsetzen, sagt Klinik-Geschäftsführer Frank Alemany und auch Dr. Grapengeter vom Hersfelder Klinikum. Die Beobachtungen der Transplantationsbeauftragten seien, dass sich viele Menschen nicht mit dem Thema beschäftigten und durch den Organspendeskandal von 2012 verunsichert seien. Wenn es im Gespräch mit Angehörigen darum gehe zu klären, ob der Verstorbene als Spender infrage komme, seien diese aber meist offen.

Das belegen auch Umfragewerte der DSO: Rund 80 Prozent der Befragten stehen dem Thema positiv gegenüber. Zahlen darüber, wieviele Menschen im Kreis einen Organspendeausweis besitzen, gibt es nicht. Deutschlandweit sind es laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwa 28 Prozent der 14- bis 75-Jährigen. 

Widerspruch statt Entscheidung?

In Deutschland gilt in Bezug auf die Organspende die Entscheidungslösung. Diese besagt, dass sich alle Bürger mit der eigenen Spendebereitschaft auseinanderzusetzen haben. Eine alternative Regelung ist die der Widerspruchslösung. Laut dieser gelten alle Verstorbenen, die zu Lebzeiten der Organspende nicht ausdrücklich widersprochen haben, als potenzielle Spender. Diese Regelung gilt in 22 europäischen Ländern – unter anderem: Belgien, Frankreich, Österreich und Schweden. Frank Alemany, Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Rotenburg, glaubt, die Situation könne sich mit einer Widerspruchslösung auch in Deutschland bessern. 

Fragen und Antworten zum Thema Organspende

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht. Auch im Landkreis, genauer an den Kliniken in Bad Hersfeld und Rotenburg, werden kaum Organe gespendet, 2017 war es eins. Das Thema ist in der Öffentlichkeit häufig ein Tabu-Thema – und wirft Fragen auf. Wir beantworten einige.

Wie verläuft eine Organspende? 

Ein Mensch kommt erst als Organspender infrage, wenn bei ihm Hirntod als definitive Festellung des Todes diagnostiziert wurde. Danach klärt ein Transplantationsbeauftragter, den jede Klinik laut gesetzlicher Vereinbarung haben muss, ob der Verstorbene zu Lebzeiten die Frage nach Spendebereitschaft geklärt hat, heißt es seitens der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Hat er keinen Spendeausweis, spricht der Transplantationsbeauftragte der Klinik mit den Angehörigen, ob eine Spende infrage kommt. Erfolgt eine Zustimmung oder besitzt der Verstorbene einen Spendeausweis, wird dies der Deutschen Stiftung Organtransplantation gemeldet. Danach werden intensivmedizinische Maßnahmen eingeleitet und die Organentnahme erfolgt. Nach dieser wird der Leichnam des Spenders zur Bestattung übergeben. Informationen über das Organ werden der Stiftung Eurotransplant übermittelt, die für die Vermittlung und Koordinierung in Europa zuständig ist. Kommt das Organ für eine Transplantation infrage, wird es den Transplantationszentren zur Verfügung gestellt und dort transplantiert.

Wo gibt es Transplantationszentren? 

In Deutschland gibt es etwa 50 Transplantationszentren, an die Spendeorgane geliefert werden. In Hessen sind diese in Bad Nauheim, Frankfurt, Fulda und Gießen.

Welche Kriterien entscheiden darüber, ob ein Organ für eine Spende infrage kommt? 

Eine Altersbeschränkung gib es nicht. Entscheidend ist der Zustand und die Funktionsfähigkeit der Organe. Laut BZgA eignen sich Organe jüngerer Verstorbener aber eher zur Transplantation als die älterer Verstorbener. Bei bestimmten Infektionen oder bei Krebserkankungen kann eine Organentnahme ausgeschlossen sein, erklärt die BZgA. Bei anderen Erkrankungen entscheiden die Ärzte nach erhobenen Befunden, ob eine Organspende möglich ist.

Kommen auch Kinder als Spender infrage? 

Nach unten gibt es keine Altersgrenze für eine Organspende. Bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr entscheiden die Eltern über den Vorgang. Ab 14 Jahren können Jugendliche einer Organentnahme selbst widersprechen, ab 16 können sie entscheiden, ob sie zustimmen oder eine Entnahme ablehnen.

Wie bekomme ich einen Organspende-Ausweis? 

Organspendeausweise können auf der Internetseite der BZgA bestellt und online ausgefüllt werden. Außerdem kann telefonisch ein Ausweis beantragt werden, auch in Arztpraxen und Apotheken liegen sie häufig aus. 

Nach welchen Kriterien werden die Organe verteilt? 

Für jedes neue Spendeorgan wird von der Vermittlungsstelle Eurotransplant eine Rangliste erstellt, in der mögliche Empfänger aufgelistet werden. Kriterien sind eine übereinstimmende Blutgruppe von Spender und Empfänger sowie die Übereinstimmung der Leukozyten. Auch die Dringlichkeit einer Transplantation spielt eine zentrale Rolle. Ein weiteres Kriterium ist die Wartezeit eines Patienten auf ein Organ. Je höher diese ist, desto höher ist die Chance auf ein Spendeorgan. Hinzu kommt der Aspekt der Konservierungszeit, in der das Organ zwischen der Entnahme und der Transplantation intakt gehalten werden muss.

Erfährt der Empfänger, wer das Organ gespendet hat? 

Nein, eine Organspende ist anonym. Auch die Angehörigen des Spenders erfahren nicht, wer der Empfänger des Organs ist. Auf Wunsch wird mitgeteilt, ob die Transplantation erfolgreich war. (che) 

Weitere Informationen unter www.organspende-info.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / Caroline Seid

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