Verfahren gegen Geldbuße eingestellt

Unkonventionell, aber nicht strafbar: Reifenhändler in Bad Hersfeld vor Gericht

Für die einen sind alte Reifen Müll und werden illegal im Wald entsorgt, für die anderen sind sie Grundlage für lukrative Geschäfte.
+
Für die einen sind alte Reifen Müll und werden illegal im Wald entsorgt, für die anderen sind sie Grundlage für lukrative Geschäfte.

Wegen des Vorwurfs des gewerbsmäßigen Betrugs musste sich ein Altreifenhändler aus dem Landkreis vor Gericht verantworten. Gegen eine Geldbuße wurde das Verfahren aber eingestellt.

Ihm wurde vorgeworfen, mehrfach Anzahlungen kassiert und keine entsprechende Ware ausgeliefert zu haben.

Das Bild, das sich für Staatsanwalt Harry Wilke ergab, nachdem er einen Stapel Akten durchgearbeitet hatte, war zunächst relativ eindeutig: Ein Altreifenhändler aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg machte krumme Geschäfte. Von mehreren Geschäftspartnern wurde ihm vorgeworfen, Anzahlungen in Höhe von mehreren tausend Euro kassiert, die versprochene Ware aber nie geliefert zu haben.

Dass der Reifenhandel immer wieder den Firmennamen wechselt und mal der Vater, mal die Mutter und jetzt die Tochter als Geschäftsführer firmieren, verstärkte diesen Eindruck noch. Ebenso der Vorwurf der Insolvenzverschleppung. 

Da schien einer die Abzocke von Geschäftspartnern zum Geschäftsmodell gemacht zu haben – gewerbsmäßigen Betrug nennt man so etwas.

Aus den Zeugenaussagen ergaben sich zahlreiche Widersprüche

Während der Verhandlung vor Einzelrichterin Sylvia Reidt stellte sich der Fall allerdings nicht mehr ganz so eindeutig dar. Die Firma der Familie bestehe seit Jahren und mache gute Umsätze, erklärte Verteidiger Hans J. Hauschild. In diesem Jahr sei es schon mehr als eine Million, sagte er, um die Größenordnung zu verdeutlichen. 

Jeden Tag kämen Kunden und die allermeisten von ihnen seien zufrieden. Bei denen, die sich beschwerten, gebe es in der Regel Versäumnisse oder Verfehlungen, wie nicht eingehaltene Termine oder gebrochene vertragliche Vereinbarungen, mitunter auch Missverständnisse, die zu Konflikten geführt hätten.

In der Tat ergaben sich aus den Aussagen der Zeugen zahlreiche Widersprüche, wenn es um Termine und Vereinbarungen ging. „Alles gelogen“, warf Verteidiger Hauschild zwischendurch ein.

Unkonventionelles Geschäftsgebaren des Reifenhändlers

Deutlich wurde zwar, dass der Reifenhändler ein durchaus unkonventionelles Geschäftsgebaren an den Tag gelegt hatte – da wurden zum Beispiel Quittungen für geleistete Anzahlungen verweigert und keine Liefertermine genannt oder Konflikte mit massiven Beschimpfungen und Schlägen zu regeln versucht, doch erkannte Richterin Reidt keine strafrechtlich relevanten Verfehlungen. 

Körperverletzungen waren zudem nicht Thema der Anklage.

Die Vernehmung mehrerer Zeugen, die aus Ghana und Spanien stammten, zeigte auch, dass die Geschäftspartner der deutschen Sprache nur bedingt mächtig waren – eine weitere mögliche Ursache für Missverständnisse.

Alte Reifen werden unter anderem in afrikanische Länder geliefert

Das Verfahren wurde deshalb in gegenseitigem Einvernehmen gegen Auflage einer Geldbuße vorläufig eingestellt. 800 Euro muss die mitangeklagte Ehefrau des Reifenhändlers an die Kleinen Helden zahlen, 1800 Euro der Mann an den Tierschutzverein.

Die alten Reifen werden übrigens für sechs Euro pro Stück verkauft und dann unter anderem in afrikanische Länder geliefert, wo andere Sicherheitsstandards als in Deutschland gelten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare