Akutmedizin wird in Bad Hersfeld gebündelt

Radikalumbau am Klinikum Hersfeld-Rotenburg: HKZ bleibt nur die Reha

Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des Herz-Kreislauf-Zentrums in Rotenburg an der Fulda.
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Steht vor einem gewaltigen Umbruch: Das Herz-Kreislauf-Zentrum in Rotenburg, das aktuell rund 700 Menschen beschäftigt, soll ins Bad Hersfelder Klinikum integriert werden.

Das Klinikum Hersfeld-Rotenburg kündigt massive Einsparungen und Umstrukturierungen an. Das Herz-Kreislauf-Zentrum (HKZ) in Rotenburg soll nach Bad Hersfeld verlagert werden.

Aktualisiert um 20.36 Uhr - Hersfeld-Rotenburg - In den kommenden drei Jahren sollen die akutmedizinischen Abteilungen des HKZ ins Bad Hersfelder Klinikum integriert werden. Lediglich die Reha bleibt noch in Rotenburg. Auch die Orthopädie wird vom Bad Hersfelder Kurpark ans Klinikum verlegt.

Die beiden Geschäftsführer Rolf Weigel und Dr. Tobias Hermann, die den Verlust des kreiseigenen Klinikkonzerns für das vergangene Jahr auf 13,2 Millionen Euro beziffern, betonen, dass jetzt „Kräfte und Expertise gebündelt sowie Synergien gehoben werden“ müssten. Konkret heißt das, dass die Akutmedizin in Bad Hersfeld konzentriert werden soll. Das betreffe vor allem die Herz- und Gefäßchirurgie, Neurologie und Kardiologie. Ziel sei es, „kostspielige Doppelstrukturen“, etwa bei Bereitschaftsdiensten, einzusparen.

Radikalumbau am Klinikum: Personalstand wird „deutlich abgesenkt“

Weigel kündigte auch an, dass der Personalstand künftig „deutlich abgesenkt“ werde. Da es sich um „Mangelberufe“ handele und schon jetzt eher Personal fehle, hofft das Klinikum auf eine normale Fluktuation. Über geplante Entlassungen will Weigel jetzt „noch keine verbindlichen Aussagen“ machen. Ebenso offen sei die Zukunft der Immobilie des HKZ in Rotenburg. Hier strebe man „intelligente Lösungen“ an.

Drei Standorte – ein Klinikum: Das Rotenburger HKZ und die Orthopädie am Bad Hersfelder Kurpark sollen künftig am Standort des Klinikums in der Kreisstadt (Foto) konzentriert werden.

Am Bad Hersfelder Klinikum sei zudem der Bau eines neues Funktionstraktes geplant, „der höchsten Ansprüchen gerecht wird und eine Versorgung der Patienten auf dem neuesten Stand“ erlaube. Dafür sei ein „hoher zweistelliger Millionenbetrag“ notwendig, sagt Weigel. Das Geld für diese Investition komme vom Land und werde durch die Bündelung bereits zugesagter Fördermittel aufgebracht.

Die Mitarbeiter des Klinikverbunds sind in den vergangenen Tagen über die geplanten Umstrukturierungen informiert worden. Es habe „kritisch-konstruktive Anmerkungen“ und sogar Applaus gegeben, berichtet Weigel. Das Klinikum stehe „vor dem tief greifendsten Einschnitt seiner Geschichte“.

Klinikum-Geschäftsführer: „Ein Weiter so kann es nicht geben“

Die Einsparungen und Umstrukturierungen sollen dem finanziell angeschlagenen Klinikverbund das Überleben sichern. Die nackten Zahlen zeugen von der Notwendigkeit eines radikalen Sparprogramms: 2017 betrugen die Verluste 4,6 Millionen Euro, in 2018 waren es 7,6 Millionen und im vergangenen Jahr bereits 13,2 Millionen Euro. Die Auswirkungen der Coronakrise schlagen erst in diesem Jahr zu Buche.

Das Klinikum Hersfeld-Rotenburg: 3100 Mitarbeiter für 160.000 Patienten

Das Klinikum Hersfeld-Rotenburg gehört mit 3100 Mitarbeitern zu den größten Krankenhäusern in Hessen. Der Klinikverbund, der zu 100 Prozent dem Landkreis gehört, versorgt nach eigenen Angaben jährlich 40 000 Patienten stationär und 120 000 ambulant. Zum Klinikverbund gehören unter anderem das Klinikum, die Orthopädie, die Klinik am Hainberg (alle Bad Hersfeld), das Herz-Kreislauf-Zentrum (Rotenburg) und das MVZ mit 20 Facharztsitzen in Bad Hersfeld, Bebra und Rotenburg.

Angesichts dieser Situation sind die Experten der auf das Gesundheitswesen spezialisierten Prüfungsgesellschaft Curacon zu dem Schluss gekommen, dass eine Genesung durch weitere Einsparungen allein nicht möglich sein wird. „Ein ‚Weiter so’ wie bisher kann und darf es nicht geben, wir müssen unsere Kräfte bündeln – und das schnell“, sagt Weigel. Die Gutachter, deren endgültiges Konzeptpapier für Ende August erwartet wird, empfehlen laut der Geschäftsleitung eine Konzentration im Bereich der Akutmedizin.

Hier sollen im Verlauf der kommenden drei Jahre doppelte Abteilungen wie die Kardiologie abgebaut, stationäre Angebote in ambulante überführt sowie zu kleine Versorgungsstrukturen gebündelt werden. Ein Ausbau der ambulanten Medizin soll eine weitere Säule des Unternehmens sein.

HKZ: Die Reha bleibt, die Zukunft der restlichen Immobilie ist offen

Vom Herz-Kreislauf-Zentrum (HKZ) in Rotenburg sollen alle akutmedizinischen Abteilungen abgezogen und nach Bad Hersfeld verlagert werden. Das HKZ soll ins Klinikum Bad Hersfeld integriert werden, heißt es. „Es ist die hohe Qualität und die tolle Arbeit, die das HKZ zum HKZ gemacht haben“, sagt Weigel. Diese Qualität solle erhalten werden. In Rotenburg verbleiben dann nur noch die Reha-Einrichtungen, die aber nur einen Teil des HKZ-Campus ausmachen. Die Zukunft der restlichen Immobilie ist noch offen. Schon seit einigen Jahren waren Teile der Gebäude an das Studienzentrum vermietet worden.

Rolf Weigel ist kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums Hersfeld-Rotenburg.

In den sogenannten patientenfernen Bereichen des Klinikums – Verwaltung, Haustechnik, Reinigungspersonal, Therapeuten, Sozialarbeiter – soll ebenfalls eine „Konzentration der Leistungen“ erfolgen. Auch hier müssten Synergien gehoben und damit die Effektivität gesteigert werden, wie es die Geschäftsleitung formuliert.

Klinikum vor Radikalumbau: Wir wissen, dass es schmerzhafte Einschnitte geben wird

Bei der Umsetzung der im Prüfkonzept vorgeschlagenen 17 Einzelmaßnahmen verfolge das Klinikum klare Ziele, wie der medizinische Geschäftsführer Dr. Tobias Hermann erläutert. Dazu gehörten der Erhalt einer guten medizinischen Versorgung der Region und das Bündeln medizinischer Expertise, besonders im Bereich Kardiologie. Außerdem sollen eine „zeitgemäße, moderne Versorgung und der Erhalt eines möglichst breiten medizinischen Spektrums“ garantiert werden. Auch der Erhalt der kommunalen Trägerschaft in Händen des Landkreises wird angestrebt. Das Klinikum wolle ein „zuverlässiger Arbeitgeber sein und Ausbildungsbetrieb der Region bleiben“, betont Hermann.

Ist medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Bad Hersfeld-Rotenburg: Dr. Tobias Hermann.

„Wir wissen, dass es schmerzhafte Einschnitte geben wird. Uns ist auch klar, dass eine breite Diskussion natürlich nicht ausbleiben wird. Aber nur durch eine gründliche und zugleich schnelle Neustrukturierung können wir weiterhin eine wohnortnahe gute medizinische Versorgung gewährleisten!“, sagt Rolf Weigel. Er mahnt, jetzt nicht das einzelne „Haar in der Suppe zu suchen“, sondern das Gesamtprojekt zu sehen.

Betriebsrat: Warten auf weitere Informationen

Das sieht auch der Betriebsrat ein. „In der jetzigen schwierigen Situation arbeiten wir gemeinsam an der Problematik“, erklärt der Vorsitzende Wolfgang Reim. Er erwartet weitere Informationen seitens der Klinikleitung nach Abschluss des Gutachtens. „Wir werden uns diese genau anhören und bewerten.“

Der Betriebsratsvorsitzende erinnert vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zudem daran, „dass endlich alle erkennen, wie lebenswichtig die Leistungen vom Klinikpersonal, gleich welcher Berufsgruppe, für unsere Gesellschaft sind.“ (Von Sebastian Schaffner Und Kai A. Struthoff)

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